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Radikalkur: Basel

Wenn man das Gefühl hat, mit einem Fuß auf dem Gas und mit dem anderen auf der Bremse zu stehen, setzt man sich am besten in einen Zug. Nicht, um schneller voran zu kommen. Sondern um sieben Stunden aus einem Fenster starren und vor sich hin denken zu können. Nachdem man sieben herrliche Stunden lang ohne ein einziges Fingerklopfen aus dem Fenster gestarrt und hin und wieder sogar ein bisschen nachgedacht hat – über das Verschwinden, über das Bleiben, und auch, wenn man es recht bedenkt, über das Zurückkehren – kommt man in einer Stadt an, die einen mit der distinguierten Diskretion einer häubchentragenden Sanatoriumsschwester empfängt. Im besten Sinne. An welchem Ort wäre ich in meinem Zustand besser aufgehoben, als in einem Städtli, in dem die Hüsli allesamt Fensterlädeli habeli, und, um nur ein Beispiel zu nennen, Brillen nicht einfach „Brillen“, sondern „Scharfmacher“ heißen?

Als ich Geld wechseln will und der Kartenleser so beängstigend langsam ist, spüre ich schon wieder meine Finger klopfen. Ich frage, halb entschuldigend, halb nervös, den sehr gepflegt aussehenden Menschen hinter seiner Glasscheibe, ob mit dem Lesegerät und/oder meiner Karte alles in Ordnung sei. Der gepflegte Mensch lächelt: „Ja. Das ist nur unsere lange Leitung.“ Ich schaue ihn an. Er aber meint es ohne Ironie. Vertraulich setzt er hinzu: „Böse Zungen behaupten, das wäre unsere schweizerische Langsamkeit. Aber das sind sehr böse Zungen.“ – „Oh, dann wollen wir ihnen natürlich nicht nach dem Munde reden, den bösen Zungen“, sage ich und zwinge meine Finger zur Ruhe. Ja. Ich bin hier gut aufgehoben. Radikalkur. Bremsen.

In der pillengrünen Tram sitzend erkenne ich einiges wieder von dem Basel, in das ich einmal verliebt war, damals, in einem anderen Leben, als ich in jemanden verliebt war. In wen ich verliebt war, hab ich vergessen, nicht aber das Gefühl von Verliebtsein. Ob es mich noch einmal erwischt? Da ist das Theater, das mich auch jetzt wieder aus den Angeln hebt. Da das Rathaus, das so weltfremd malerisch ist, dass ich unwillkürlich lachen muss. Da das kleine Häusli mit dem Campari-Schriftzug, das mit seinem Schornstein wie ein mahnender Zeigefinger in den Himmel sticht. „Trink deinen Campari“, mahnt es, „vorzugsweise in der Rio-Bar.“ Ich trinke ihn diesmal in der Küche einer Freundin.

Es ist nicht schwer, in Basel das Bremsen wieder zu erlernen. Vor allem in einem Basel im Winterschlaf. Die Hälfte der Geschäfte ist geschlossen, (was ein Glück ist! Sonst müsste ich dringend mindestens diese Kerzenständer besitzen!), das Wetter ausgewaschen und kahl, es regnet, es ist trist. Nur mir ist nicht trist. Ich schlendere durch die Straßen, so langsam, wie schon sehr, sehr lange nicht mehr. Ich kaufe ein Brötli. (Was für eine Erfindung! Brötli, belegt im 80er Jahre Style! Hierzulande muss man eigens in die Oper gehen, wenn man Appetit auf ein Lachs Canapée hat, in Basel geht man einfach in den Supermarkt). Ich stehe im Regen. Ich stehe vor einem Van Gogh. Vielleicht eine Stunde lang. Ich habe noch nie so lange vor einem einzigen Bild gestanden. Ich sitze in einem Café, vorzugsweise dem zum Roten Engel. Ich esse ein Aprikosen Wäheli und denke: wenn so mein Leben schmecken könnte. Ich stehe staunend in der elysischen Allgemeinen Lesegesellschaft und sehe, ich schwöre, ich sehe die Menschen sich in Zeitlupe bewegen, in Zeitlupe ausgewählte Zeitungen umblättern. Wieder draußen fallen auch die Regentropfen lange noch in Zeitlupe, während ich vor dem Münster stehe (?!) und ungläubig ein Stifterpärchen bewundere: dem „Fürst der Welt“ kreuchen tatsächlich Schlangen und Kröten am Rücken. 1280 und am Rücken kreuchende Schlangen und Kröten! Ich weiß nicht, warum es mich so fröhlich stimmt. Ich gehe Treppchen hinauf. Und wieder hinab. Was für schöne Haustüren Basel doch hat! Es mag naheliegend scheinen, dass ich mich für Haustüren interessiere – aber ich bin selbst überrascht, wie sehr mich die Basler Haustüren beeindrucken. Tatsächlich bleibe ich alle zwei Schritte vor der nächsten neu entdeckten Haustüre stehen, schüttle den Kopf über so viel Bohnerwachsliebe und freue mich wie ein Glücksritter. Wie ich so stehe und mich freue, stolpere ich beinah – beinah nur, wohl gemerkt – in einen Herrn, Bart: getrimmt, Blick: klar und blau. „Entschuldigung“, hasple ich, „ich bin eine dieser fürchterlichen Touristen, die nicht rechts und nicht links schauen!“ – „Aber ich bitte Sie“, sagt er, „was hätte mir heute Schöneres passieren können, als dass Sie mich rammen?“ Ich starre ihn an. Aber auch er meint es ohne Ironie. Ich kann nicht umhin, zu grinsen, als ich weiter gehe. Basel, du Charmeur. Jetzt hast du mich wieder.

 

 

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Bitte nicht drängeln

Fingerspitzen zittern vor Verliebtheit. Oder vor Aufregung. Wegen eines hohen Blutdrucks. Aus Altersschwäche. Vor Kälte, vielleicht vor Kälte?

Ich bin nicht sicher, aus welchem dieser Gründe meine Fingerspitzen zittern. Wenn ich genauer darüber nachdenke (über die Gründe), ist es mit „Zittern“ vielleicht falsch benannt. Vielleicht ist es eher ein Klopfen. (Der Unterschied zwischen einem Zittern und einem Klopfen ist, wie man weiß, der, dass einem das Zittern passiert, das Klopfen hingegen nicht. Zittern ist Handrücken-an-Stirn-Schlenker, Klopfen brachiale Willkür.)

Meine Fingerspitzen finden eine Tischplatte. Ein Buch. Einen Oberschenkel (meistens den meinen). Und dann klopfen sie darauf. Nicht den Takt, den prima Beat, bevor er mir in die Beine fährt und ich aufspringe und einen Steptanz im januarlichen Grauregen hinlege.

Nein.

Sie klopfen die Ungeduld. „Komm zum Punkt“, klopfen sie, „komm endlich zum Punkt.“

„Lass sie klopfen“, dachte ich, „deine Fingerspitzen suchen nach einer Ausdrucksform, das solltest du unterstützen, nicht abwürgen – und außerdem warst du doch noch nie besonders geduldig, warum also gleich ein Drama draus machen.“

Aber in letzter Zeit klopfen meine Fingerspitzen auch und mit Vorliebe, wenn ich spreche. „Komm zum Punkt“, klopfen sie, „komm. end. lich. zum. Punkt.“

Und das ist sehr irritierend.

Um nicht zu sagen: äußerst unhöflich.

Ich befinde mich auf Schussfahrt im Innersten eines rosa Wackelpuddings. Nach außen hin: Windstille. Meine Körperfläche: ein tiefer See. Aber in mir drin brettere ich mit Affenzahn die Steilpiste hinab, dass mir der Gegenwind nur so in den Ohren pfeift. Und ich komme nicht voran. Keinen Zentimeter. Wackelpudding rundherum.

Ich stehe irgendwo – der Ort ist bewiesen austauschbar, inmitten von Gewimmel, inmitten weiter Felder – über mir ein Waschküchenhimmel, in mir drin Geschrei: „Los! Los! Los! Warum geht das hier nicht weiter!?“
Zum Glück hab ich keine Körperhupe. Oder eine Kupplung unter den Füßen.

Ein merkwürdiges Gefühl ist das und ich weiß nicht, woher es kommt. Gut, die Felder sind hässlich, matschig, freudlos, einige von ihnen plastiklich für den Spargel abgedeckt, ein äußerst deprimierender Anblick, aber Spargelfelder sind immer ein deprimierender Anblick, zu jeder Jahreszeit, schon immer gewesen.

Was also ist es? Ist es nur der Januar? Geht es wieder weg? Muss ich da durch? Durch das Spargelfeld? In … in meinen Wildlederstiefeln??

Gemüt am Mittwoch: La girafe

„Warum dieser Ganzkörperkäfig“, denkt die Giraffe und ist empört. „Es ist ja nun nicht gerade so, dass ich für meine hohen Sprünge bekannt wäre. Hat schon einmal jemand eine Giraffe springen sehen? Nein. Und warum nicht? Weil wir Giraffen nicht in die Knie gehen können. (Zwar keine hohen Sprünge, aber in die Knie gehen wir auch nicht, immerhin etwas). Und da wir Giraffen auch nicht unbedingt die waghalsigsten Kletterer sind – aus welchem Grund auch immer – bedeutet dieser Ganzkörperkäfig nur eines: Demütigung.

Demütigung durch ihn. Es kann nur seine Idee gewesen sein. Dieser Schuft. Was sonst wäre von jemandem zu erwarten, der grüne Gummistiefel und grüne Latzhosen (!) trägt und die Frechheit besitzt, mir während meines Mittagsschläfchens die Hufe zu pediküren oder die wöchentliche Zahnprophylaxe vorzunehmen. Ich bin eine Lady und ich lege Wert auf pedikürte Hufe und gereinigte Gebisse. Aber warum macht der grüne Heinrich es während meines Mittagsschlafes? Heinrich weiß, dass Giraffen nur wenig Schlaf brauchen. Zwanzig Minuten am Tag, mehr nicht. In diesen zwanzig Minuten aber sind wir absolut wehrlos.

Pediküre im Zustand der Wehrlosigkeit: Demütigung.

Der grüne Heinrich legt’s darauf an. Wenn er das nächste Mal da unten vorbei geht, dann…, dann…, dann!

Aber wo bleibt er denn? Lang schon ist’s her, seit er gesehen. Vielleicht ist die Demütigung keine Demütigung. Vielleicht ist sie … Angst? Das ist es! Der grüne Heinrich hat Angst! Vor mir! Und warum? Weil ich ein wahnsinnig gefährliches Tier bin, natürlich! Wir Giraffen fischen nur deshalb mit langen, schwarzen und selbstverständlich äußerst muskulösen Zungen nach Blättern, weil uns nie jemand gesagt hat, dass wir reißende Bestien sind! Dass in uns, tief in uns, das Verderben lauert. Der Appetit auf grüne Heinriche. Oh, sie aber wussten es. Schon immer. Deshalb der Ganzkörperkäfig. Klein wollten sie uns halten, klein, duldsam und bescheiden. Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht!

Ich wecke das wilde Tier in mir. Ommmm, ich bin ein Löwe. Ommmm, ich bin ein Lö… nein, lieber ein Tiger (das Fell! Die Farben!!). Ommmm, ich bin ein Tiger. Ommmm, ich bin ein Tiger.“