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Gemüt am Mittwoch: Fischen.

Peter sprach immer vom Haken. Nicht vom Haken an der Sache, vom leiblichen Haken sprach er, dem Haken an sich, sozusagen dem Haken der Haken: dem Angelhaken. Er konnte stundenlang erzählen von seinem „Kopf“, seinem „Schenkel“, seinem „Wider“, ich habe ihn nie von einer Frau so reden hören. Oder von einem Mann. „Weißt du“, hat er gesagt – eigentlich sagte er immer dasselbe – „der unbedingte Moment beim Fischen, also der Moment, auf den es eigentlich ankommt, das ist nicht der Augenblick, in dem der Fisch anbeißt. Das ist der Moment, in dem dir ein Fisch vor den Haken schwimmt. Du siehst den Fisch nicht, (so klar sind die Wasser nicht mehr), aber du spürst plötzlich, dass er da ist und sich in diesem Augenblick überlegt, ob der Haken einen Haken hat oder nicht. Das ist dieser Moment, in dem dir durch den Körper zuckt, dass du böse bist und mit einer Absicht. Und dann setzt du noch eins drauf und verneinst den Haken. Tust, als wär er nicht da. Ein Ruck an der Angel, …

Gemüt am Mittwoch: Bubis Butterkuchen

Ich (vierte von links) hatte mit der mir eigenen Zielstrebigkeit wieder einmal einen Sensationstreffer in Sachen Nebenjob gelandet. Nachdem ich ein Motivationsschreiben verfasst hatte, das einer Doktorarbeit (wenn nicht gar schon einem Gottesbeweis) weder in Umfang noch in der Stringenz der Argumentationsführung nachstand, nachdem ich liebe- wie gedankenvoll einen Lebenslauf entworfen hatte, dessen Werdegangstationen eindeutig und ebenso unausweichlich wie die Katastrophe in der griechischen Tragödie die gottgewollte Bestimmung für eben jenen einen, auserkorenen NEBENJOB bis in die frühen Kindheitstage hinein nachvollziehbar machten, nachdem ich Beweise und Belege für a) Schulabschlüsse, b) Studienabschlüsse, c) Auslandsaufenthalte, d) Lobeshymnen früherer Arbeitgeber, e) Zusatzqualifikationen (Erste Hilfe, Führerschein, Computerkenntnisse, fucking SOCIAL MEDIA etc., und ich verzichtete auch nicht auf den Tauchschein, und auch nicht auf den Trauschein und auch nicht auf die Scheidungsurkunde, klarer konnte ich mein Konfliktmanagement kaum in Worte fassen) und f) Sprachzeugnisse kopiert, beglaubigt und per Kurier landverschickt hatte, wurde ich tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, das ich aufgrund meiner Verzweiflung (ich war nicht mehr jung aber brauchte das Geld) glorreich bestritt: der Rock kurz, die Wimpern …

Gemüt am Mittwoch: Gespräche mit Pudel (Tonbandaufzeichnung)

5.Tag mit Pudel. Gespräche erweisen sich als schwierig, langwierig, nahezu unmöglich. Pudel unterbricht häufig, raucht stundenlang, teilweise ohne ein Wort zu sagen. Es geht ihm schlechter, selten erinnert er sich, wer ich bin und was ich hier mache. Roswitha, die Hausangestellte, verdreht nur die Augen. Mir aber setzt er zu. Gestern nacht wieder kein Auge zugetan, diese durchgelegene Matratze, das Knacken der Borkenkäfer und ständig und über allem sein röchelndes Husten mit anschließendem Ausspucken. Jedesmal bleibt mir das Herz stehen, bis er nur endlich ausspuckt, das Husten ein Ende hat und das Schnarchen den Anfang. Tagsüber wünsche ich oft, dass er stirbt, schon, wenn er am Frühstückstisch sitzt, wünsche ich das, ich kann so früh aufstehen, wie ich will, er ist jedes Mal schon vor mir wach und kratzt bereits mit dem Buttermesser über den Toast, dazu nickt und wackelt sein Kopf und mein Blick fällt wehrlos auf einen blassen, kantigen Fuß, der in einem abgetretenen Pantoffel steckt, und auf einen lilascheinenden Knöchel, der sich wie Beulenpest von der milchweißen Haut abhebt. Es ist Wut, …

Gemüt am Mittwoch: Martha mit goldenem Ball

Gemüt am Mittwoch: ein altes Foto – eine neue Geschichte. Heute: Martha mit goldenem Ball. Martha hatte sich bislang geweigert, an Frösche zu glauben. Jetzt, da sie vom Himmel zu fallen schienen, wollte sie doch bitteschön auch einen. Einen mit Krönchen. Einen, der sie aus dem dörflichen Sumpf in ein Schloß geleiten sollte (eines mit Dienern, nicht mit Sanierungsbedarf), einen, der Türen aufhalten, in Mäntel helfen und geistreiche Unterhaltungen führen konnte – und nicht nur mit sich selbst. Kurzum, sie wollte einen, der vorzeigbar war unter den anderen Fröschen. Aber mit den Fröschen war es so eine Sache. Welchen sollte sie wählen? Einen Raketenfrosch etwa? Klein und wendig war er, ja – aber machte es Spaß, so einen Frosch immer 12 Meter im Voraus zu wissen? 12 Meter sind 12 Meter, wenn man sie gehen muss. Vielleicht doch lieber einen Wendehalsfrosch? Wendehalsfrösche – und das bewunderte Martha an ihnen – überleben, indem sie sich per Hautsekret unsichtbar machen. Aber wer will schon einen dauerschwitzenden Frosch? Nichts gegen das Schwitzen – wenn es denn das richtige …

Gemüt am Mittwoch: La girafe

„Warum dieser Ganzkörperkäfig“, denkt die Giraffe und ist empört. „Es ist ja nun nicht gerade so, dass ich für meine hohen Sprünge bekannt wäre. Hat schon einmal jemand eine Giraffe springen sehen? Nein. Und warum nicht? Weil wir Giraffen nicht in die Knie gehen können. (Zwar keine hohen Sprünge, aber in die Knie gehen wir auch nicht, immerhin etwas). Und da wir Giraffen auch nicht unbedingt die waghalsigsten Kletterer sind – aus welchem Grund auch immer – bedeutet dieser Ganzkörperkäfig nur eines: Demütigung. Demütigung durch ihn. Es kann nur seine Idee gewesen sein. Dieser Schuft. Was sonst wäre von jemandem zu erwarten, der grüne Gummistiefel und grüne Latzhosen (!) trägt und die Frechheit besitzt, mir während meines Mittagsschläfchens die Hufe zu pediküren oder die wöchentliche Zahnprophylaxe vorzunehmen. Ich bin eine Lady und ich lege Wert auf pedikürte Hufe und gereinigte Gebisse. Aber warum macht der grüne Heinrich es während meines Mittagsschlafes? Heinrich weiß, dass Giraffen nur wenig Schlaf brauchen. Zwanzig Minuten am Tag, mehr nicht. In diesen zwanzig Minuten aber sind wir absolut wehrlos. Pediküre …