Autor: Stepha

Berliner Türen

Ein Mann öffnet. Ich freue mich über jeden, der öffnet. Auch, wenn er keine Frau ist und keine roten Locken hat. „Entschuldigen Sie, ich suche eine Frau, bei der im Wohnzimmer ein Strandkorb steht und die sich von ihrem Mann getrennt hat? Meiner Erinnerung nach müsste sie hier im Haus wohnen, und zwar nicht im ersten Stock, weil man von ihrem Küchenfenster aus die Blätter der Linde im Hinterhof sieht – und nicht den Stamm.“ – „Und wie heißt sie?“ „Das eben weiß ich nicht, sonst würde ich ja einfach bei ihr klingeln und nicht bei Ihnen. (Scherzkeks). Sie ist vor fünf Jahren eingezogen, hat rote Locken und hinkt, weil sie mal einen Motorradunfall hatte.“ Er weiß jetzt, wen ich meine, das seh ich ihm an. Er aber mustert mich misstrauisch: „Und warum suchen Sie sie? Schuldet sie Ihnen Geld oder sowas?“ „Nein. (Was für eine Frage! Ist er … Drehbuchschreiber?? Werde sofort neugierig. Rückfallneugierig. Erwäge, ihm aus dem Stegreif ein Kaffeekränzchen mit mir anzutragen. Aber ich bin etwas aus der Übung – und außerdem …

Radikalkur: Basel

Wenn man das Gefühl hat, mit einem Fuß auf dem Gas und mit dem anderen auf der Bremse zu stehen, setzt man sich am besten in einen Zug. Nicht, um schneller voran zu kommen. Sondern um sieben Stunden aus einem Fenster starren und vor sich hin denken zu können. Nachdem man sieben herrliche Stunden lang ohne ein einziges Fingerklopfen aus dem Fenster gestarrt und hin und wieder sogar ein bisschen nachgedacht hat – über das Verschwinden, über das Bleiben, und auch, wenn man es recht bedenkt, über das Zurückkehren – kommt man in einer Stadt an, die einen mit der distinguierten Diskretion einer häubchentragenden Sanatoriumsschwester empfängt. Im besten Sinne. An welchem Ort wäre ich in meinem Zustand besser aufgehoben, als in einem Städtli, in dem die Hüsli allesamt Fensterlädeli habeli, und, um nur ein Beispiel zu nennen, Brillen nicht einfach „Brillen“, sondern „Scharfmacher“ heißen? Als ich Geld wechseln will und der Kartenleser so beängstigend langsam ist, spüre ich schon wieder meine Finger klopfen. Ich frage, halb entschuldigend, halb nervös, den sehr gepflegt aussehenden Menschen hinter …

Bitte nicht drängeln

Fingerspitzen zittern vor Verliebtheit. Oder vor Aufregung. Wegen eines hohen Blutdrucks. Aus Altersschwäche. Vor Kälte, vielleicht vor Kälte? Ich bin nicht sicher, aus welchem dieser Gründe meine Fingerspitzen zittern. Wenn ich genauer darüber nachdenke (über die Gründe), ist es mit „Zittern“ vielleicht falsch benannt. Vielleicht ist es eher ein Klopfen. (Der Unterschied zwischen einem Zittern und einem Klopfen ist, wie man weiß, der, dass einem das Zittern passiert, das Klopfen hingegen nicht. Zittern ist Handrücken-an-Stirn-Schlenker, Klopfen brachiale Willkür.) Meine Fingerspitzen finden eine Tischplatte. Ein Buch. Einen Oberschenkel (meistens den meinen). Und dann klopfen sie darauf. Nicht den Takt, den prima Beat, bevor er mir in die Beine fährt und ich aufspringe und einen Steptanz im januarlichen Grauregen hinlege. Nein. Sie klopfen die Ungeduld. „Komm zum Punkt“, klopfen sie, „komm endlich zum Punkt.“ „Lass sie klopfen“, dachte ich, „deine Fingerspitzen suchen nach einer Ausdrucksform, das solltest du unterstützen, nicht abwürgen – und außerdem warst du doch noch nie besonders geduldig, warum also gleich ein Drama draus machen.“ Aber in letzter Zeit klopfen meine Fingerspitzen auch und …

Gemüt am Mittwoch: La girafe

„Warum dieser Ganzkörperkäfig“, denkt die Giraffe und ist empört. „Es ist ja nun nicht gerade so, dass ich für meine hohen Sprünge bekannt wäre. Hat schon einmal jemand eine Giraffe springen sehen? Nein. Und warum nicht? Weil wir Giraffen nicht in die Knie gehen können. (Zwar keine hohen Sprünge, aber in die Knie gehen wir auch nicht, immerhin etwas). Und da wir Giraffen auch nicht unbedingt die waghalsigsten Kletterer sind – aus welchem Grund auch immer – bedeutet dieser Ganzkörperkäfig nur eines: Demütigung. Demütigung durch ihn. Es kann nur seine Idee gewesen sein. Dieser Schuft. Was sonst wäre von jemandem zu erwarten, der grüne Gummistiefel und grüne Latzhosen (!) trägt und die Frechheit besitzt, mir während meines Mittagsschläfchens die Hufe zu pediküren oder die wöchentliche Zahnprophylaxe vorzunehmen. Ich bin eine Lady und ich lege Wert auf pedikürte Hufe und gereinigte Gebisse. Aber warum macht der grüne Heinrich es während meines Mittagsschlafes? Heinrich weiß, dass Giraffen nur wenig Schlaf brauchen. Zwanzig Minuten am Tag, mehr nicht. In diesen zwanzig Minuten aber sind wir absolut wehrlos. Pediküre …