Autor: Stepha

La la… la lallalala

Das Gemüt am Morgen steht sehr deutlich auf Herbst – und es ist nicht der Herbst mit den raschelnden Blättern und den Spinnweben im glitzernden Sonnenlichtblau, sondern der Herbst mit den matschigen Blättern und einem Dauergrauhimmel ohne Zeit und vor allem: ohne Zukunft (was würde heute schon Sinn machen) – ich grummle mir meinen Weg durch die Morgenroutine, die schön sein könnte, wenn ich ihr Aufmerksamkeit schenken würde – und dann DAS: Also wenn das kein Grund ist, diesen November irgendwie zu überstehen….. („This is the dream! It’s conflict and it’s compromise and it’s very, very exciting!“. Sing, summ, tanz).

Gemüt am Mittwoch: Fischen.

Peter sprach immer vom Haken. Nicht vom Haken an der Sache, vom leiblichen Haken sprach er, dem Haken an sich, sozusagen dem Haken der Haken: dem Angelhaken. Er konnte stundenlang erzählen von seinem „Kopf“, seinem „Schenkel“, seinem „Wider“, ich habe ihn nie von einer Frau so reden hören. Oder von einem Mann. „Weißt du“, hat er gesagt – eigentlich sagte er immer dasselbe – „der unbedingte Moment beim Fischen, also der Moment, auf den es eigentlich ankommt, das ist nicht der Augenblick, in dem der Fisch anbeißt. Das ist der Moment, in dem dir ein Fisch vor den Haken schwimmt. Du siehst den Fisch nicht, (so klar sind die Wasser nicht mehr), aber du spürst plötzlich, dass er da ist und sich in diesem Augenblick überlegt, ob der Haken einen Haken hat oder nicht. Das ist dieser Moment, in dem dir durch den Körper zuckt, dass du böse bist und mit einer Absicht. Und dann setzt du noch eins drauf und verneinst den Haken. Tust, als wär er nicht da. Ein Ruck an der Angel, …

Gemüt am Mittwoch: Bubis Butterkuchen

Ich (vierte von links) hatte mit der mir eigenen Zielstrebigkeit wieder einmal einen Sensationstreffer in Sachen Nebenjob gelandet. Nachdem ich ein Motivationsschreiben verfasst hatte, das einer Doktorarbeit (wenn nicht gar schon einem Gottesbeweis) weder in Umfang noch in der Stringenz der Argumentationsführung nachstand, nachdem ich liebe- wie gedankenvoll einen Lebenslauf entworfen hatte, dessen Werdegangstationen eindeutig und ebenso unausweichlich wie die Katastrophe in der griechischen Tragödie die gottgewollte Bestimmung für eben jenen einen, auserkorenen NEBENJOB bis in die frühen Kindheitstage hinein nachvollziehbar machten, nachdem ich Beweise und Belege für a) Schulabschlüsse, b) Studienabschlüsse, c) Auslandsaufenthalte, d) Lobeshymnen früherer Arbeitgeber, e) Zusatzqualifikationen (Erste Hilfe, Führerschein, Computerkenntnisse, fucking SOCIAL MEDIA etc., und ich verzichtete auch nicht auf den Tauchschein, und auch nicht auf den Trauschein und auch nicht auf die Scheidungsurkunde, klarer konnte ich mein Konfliktmanagement kaum in Worte fassen) und f) Sprachzeugnisse kopiert, beglaubigt und per Kurier landverschickt hatte, wurde ich tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, das ich aufgrund meiner Verzweiflung (ich war nicht mehr jung aber brauchte das Geld) glorreich bestritt: der Rock kurz, die Wimpern …

Gemüt am Mittwoch: Gespräche mit Pudel (Tonbandaufzeichnung)

5.Tag mit Pudel. Gespräche erweisen sich als schwierig, langwierig, nahezu unmöglich. Pudel unterbricht häufig, raucht stundenlang, teilweise ohne ein Wort zu sagen. Es geht ihm schlechter, selten erinnert er sich, wer ich bin und was ich hier mache. Roswitha, die Hausangestellte, verdreht nur die Augen. Mir aber setzt er zu. Gestern nacht wieder kein Auge zugetan, diese durchgelegene Matratze, das Knacken der Borkenkäfer und ständig und über allem sein röchelndes Husten mit anschließendem Ausspucken. Jedesmal bleibt mir das Herz stehen, bis er nur endlich ausspuckt, das Husten ein Ende hat und das Schnarchen den Anfang. Tagsüber wünsche ich oft, dass er stirbt, schon, wenn er am Frühstückstisch sitzt, wünsche ich das, ich kann so früh aufstehen, wie ich will, er ist jedes Mal schon vor mir wach und kratzt bereits mit dem Buttermesser über den Toast, dazu nickt und wackelt sein Kopf und mein Blick fällt wehrlos auf einen blassen, kantigen Fuß, der in einem abgetretenen Pantoffel steckt, und auf einen lilascheinenden Knöchel, der sich wie Beulenpest von der milchweißen Haut abhebt. Es ist Wut, …

Gemüt am Mittwoch: Martha mit goldenem Ball

Gemüt am Mittwoch: ein altes Foto – eine neue Geschichte. Heute: Martha mit goldenem Ball. Martha hatte sich bislang geweigert, an Frösche zu glauben. Jetzt, da sie vom Himmel zu fallen schienen, wollte sie doch bitteschön auch einen. Einen mit Krönchen. Einen, der sie aus dem dörflichen Sumpf in ein Schloß geleiten sollte (eines mit Dienern, nicht mit Sanierungsbedarf), einen, der Türen aufhalten, in Mäntel helfen und geistreiche Unterhaltungen führen konnte – und nicht nur mit sich selbst. Kurzum, sie wollte einen, der vorzeigbar war unter den anderen Fröschen. Aber mit den Fröschen war es so eine Sache. Welchen sollte sie wählen? Einen Raketenfrosch etwa? Klein und wendig war er, ja – aber machte es Spaß, so einen Frosch immer 12 Meter im Voraus zu wissen? 12 Meter sind 12 Meter, wenn man sie gehen muss. Vielleicht doch lieber einen Wendehalsfrosch? Wendehalsfrösche – und das bewunderte Martha an ihnen – überleben, indem sie sich per Hautsekret unsichtbar machen. Aber wer will schon einen dauerschwitzenden Frosch? Nichts gegen das Schwitzen – wenn es denn das richtige …

Harriett Pracht.

Ich habe Harriett auf einer Sprachreise kennengelernt. Ich war 14 und in Torbay, weil ich kein Highschoolyear in Amerika machen durfte. Harriett war 16 und in Torbay, weil sie gerade nach mehreren Jahren in Lagos zurück nach Deutschland gezogen war und für’s deutsche Schulsystem ihr Pidgin-Englisch oxfordtauglich machen sollte. Wir mochten uns auf den ersten Blick. Harriett hatte schon damals eine unglaubliche Art, für jedes Problem das richtige Rezept zu haben. „Rezept“ im doppelten Wortsinn: Lösungsanleitung einerseits und Zubereitungsart einer Speise andererseits. Bei Harriett schien beides ein und dasselbe zu sein. In egal welcher Lebenslage man auch gerade steckte – Harriett wusste, was man essen musste, um sich am eigenen Haarschopf wieder heraus zu ziehen. Wie eine Hexe glaubte sie an die Kraft des richtigen Essens. Damals beschränkten sich ihre Rezept-Anweisungen zwar noch auf „Du brauchst Dairy Milk“ (nachdem sich herausstellte, dass in dieser merkwürdigen Gastfamilie „überraschend“ Familienbesuch angesagt war und ich mein Zimmer plötzlich mit den Spice-Girls-dauersingenden Zwillingen teilen musste),  oder „Okay, wir brauchen Thunfisch. In egal welcher Form, zur Not auch als eins …

Coney Island, Berlin.

Mit Coney Island verbinde ich zweierlei: zum einen eine höchst romantische Vorstellung von Sommerfrische, Brise, weißen Hüten, gehäkelten Handschuhen, Raddampfern, Liebeserklärungen und gesalzenen grünen Erbsen in Zeitungspapier. Zum anderen die eher wenig romantische Vorstellung von Vergnügungspark und sich im Sand sardinös wälzenden Menschenmassen in unvorteilhafter Badekleidung. Abschreckend genug. Merkwürdig, dass einen trotzdem – und vor allem wochenends – eine scheinbar ewiglich unerfüllbare Sehnsucht nach Coney Island aufbrechen lässt. Mein Coney Island liegt im Grunewald und ist eine Sanddüne, die, wählt man den richtigen Farbfilter, nach genau dem aussieht, was sie ist: eine ehemals dem industriellen Abbau von Feinsand dienliche, jetzt verlassene Kiesgrube inmitten von Kieferngrün. Aber da man, wie bei so ziemlich allem, den Farbfilter der Betrachtung frei wählen kann, wählt man einen, durch den hindurch die Ödnis nach dem aussieht, was sie sein kann: Paradies. Sanddüne. Madagaskar. Die Kiefern werden Palmen und am Südhang ist es so warm, dass man schon barfuß gehen kann, während in der Innenstadt noch Schnee liegt. Oben sitzen die Menschen wie Sammelfiguren und halten ihr Gesicht in die Sonne. …

Berliner Türen

Ein Mann öffnet. Ich freue mich über jeden, der öffnet. Auch, wenn er keine Frau ist und keine roten Locken hat. „Entschuldigen Sie, ich suche eine Frau, bei der im Wohnzimmer ein Strandkorb steht und die sich von ihrem Mann getrennt hat? Meiner Erinnerung nach müsste sie hier im Haus wohnen, und zwar nicht im ersten Stock, weil man von ihrem Küchenfenster aus die Blätter der Linde im Hinterhof sieht – und nicht den Stamm.“ – „Und wie heißt sie?“ „Das eben weiß ich nicht, sonst würde ich ja einfach bei ihr klingeln und nicht bei Ihnen. (Scherzkeks). Sie ist vor fünf Jahren eingezogen, hat rote Locken und hinkt, weil sie mal einen Motorradunfall hatte.“ Er weiß jetzt, wen ich meine, das seh ich ihm an. Er aber mustert mich misstrauisch: „Und warum suchen Sie sie? Schuldet sie Ihnen Geld oder sowas?“ „Nein. (Was für eine Frage! Ist er … Drehbuchschreiber?? Werde sofort neugierig. Rückfallneugierig. Erwäge, ihm aus dem Stegreif ein Kaffeekränzchen mit mir anzutragen. Aber ich bin etwas aus der Übung – und außerdem …

Radikalkur: Basel

Wenn man das Gefühl hat, mit einem Fuß auf dem Gas und mit dem anderen auf der Bremse zu stehen, setzt man sich am besten in einen Zug. Nicht, um schneller voran zu kommen. Sondern um sieben Stunden aus einem Fenster starren und vor sich hin denken zu können. Nachdem man sieben herrliche Stunden lang ohne ein einziges Fingerklopfen aus dem Fenster gestarrt und hin und wieder sogar ein bisschen nachgedacht hat – über das Verschwinden, über das Bleiben, und auch, wenn man es recht bedenkt, über das Zurückkehren – kommt man in einer Stadt an, die einen mit der distinguierten Diskretion einer häubchentragenden Sanatoriumsschwester empfängt. Im besten Sinne. An welchem Ort wäre ich in meinem Zustand besser aufgehoben, als in einem Städtli, in dem die Hüsli allesamt Fensterlädeli habeli, und, um nur ein Beispiel zu nennen, Brillen nicht einfach „Brillen“, sondern „Scharfmacher“ heißen? Als ich Geld wechseln will und der Kartenleser so beängstigend langsam ist, spüre ich schon wieder meine Finger klopfen. Ich frage, halb entschuldigend, halb nervös, den sehr gepflegt aussehenden Menschen hinter …