Auf Tauchstation in Lettland

Meine Taucherglocke, besser bekannt als Ventspils House

„Es tut uns leid, wir sind wieder in den Lockdown gerutscht“, …

… lautete die Mail, „sollen wir die Residenz noch einmal verschieben?“

„Lockdown?“, schrieb ich zurück. „Ich war drei Monate in Italien im Lockdown, ich bin also abgehärtet. Meine einzige Frage: Darf man die Wohnung verlassen? Um spazieren zu gehen?“ In Italien durfte man nicht. Und diese existentielle Grenzerfahrung in Sachen Freiheit wäre das einzige, was ich so schnell nicht wieder erleben will.

Aber nein. In Lettland darf man spazieren. Bis 20 Uhr abends.

„Dann komme ich“, schrieb ich zurück. Ich sollte ja schon letztes Jahr kommen, nur kam mir Corona zuvor.

Und jetzt bin ich hier, im entzückenden International Writers‘ and Translators‘ House Ventspils, einer hinreißenden, sehr verlassenen, sehr einsamen kleinen Hafenstadt in Lettland, die Hafendocks dröhnen, die Kräne löschen tagein tagaus die Schiffsfrachten, die Möwen lassen sich vom Sturm von Fischkutter zu Fischkutter treiben, der Himmel steht hoch, die Wolken hängen tief, hin und wieder zeigt sich die Sonne, trotzdem waren die Handschuhe die beste Idee – und schreibe friedlich vor mich hin.

Wir sind hier sieben Stipendiatinnen aus allen möglichen Ländern, teilen uns eine Gemeinschaftsküche, in der kein existierendes Küchenutensil, kein Küchenkraut fehlt, teilen uns einen Hauskater und eine Sauna. Gerade letztere ist bitter nötig, zwei Stunden im eisigen Regen dem Meeressturm zu trotzen ist nur etwas für die hartgesottenen Angler hier, die reglos wie Kunstinstallationen an ihren Stammplätzen ausharren. Gestern sah ich eine Anglerin eine passable Scholle nonchalant den Wellen entziehen und ausnehmen, während sie, das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, unbeeindruckt auf Russisch Ratschläge in Sachen Männer gab.

Und Ieva und Andra, die hier das Ventspils House leiten, stellen uns den nationalen Kúkú aus Schwarzbrot, Preiselbeeren und Sahnecreme und auch den nationalen Kräuterschnaps anlässlich des Nationalfeiertags auf den Tisch – eine ganze Schüssel selbst ausgenommener, marinierter Sardinen in den Kühlschrank.

Das mit dem Hirten ist das Eine, aber mir wird nichts mangeln das Andere, und das stimmt.

Wieder einmal dankbar für all die Geschenke, die mir das Leben macht. Danke an alle Stipendien, die mir ein so entspanntes, konzentriertes Schreiben, mir so viel Reisen und Erleben ermöglichen. Schwamm werden, aufsaugen, alles aufsagen, einsaugen, in Salzlake einlegen wie all die Tomaten, Gurken, Knoblauche, Krautköpfe, Sardellen hier, damit es lange hält, lange, über den Winter und bis in den nächsten noch. Oder länger.

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