Hausbesuche
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Mascha.

Mascha: weiche Wärme, warme Weichheit, lautes Lachen, Teekessel. Den Tee serviert sie uns russisch schwarz nach Samowarprinzip, dazu in kleinen Schälchen: Kandiszucker, Halwabruch, Walnusswurst vom letzten Georgienurlaub. In ihrer Küche: Tapete, Nostalgie, Lebenslust. Russland.

„Ich hab’s geschafft bis 40. Ich meine: ich bin 40 geworden und hab’s überlebt. 40 ist eine Zahl, wo du dir als Frau Gedanken machst: was hast du erreicht. Mit Kindern, das wird nicht mehr lange gehen – und wenn du keine Kinder hast, fragst du dich, ob du wenigstens beruflich etwas erreicht hast. Ich will einen Mann – nein, das darf ich nicht so vage formulieren, ich will einen klugen Mann, zwei Kinder, und von meinem kreativen Beruf leben können. Du siehst: davon bin ich meilenweit entfernt.

Mein Leben ist eine ständige Krise. Meine erste große Krise – also: große Krise – hatte ich bei meiner Abreise nach Deutschland, da war ich 23. Meine Mutter hat mein Auswandern als Verrat gesehen und gesagt, sie wird einen tschetschenischen Jungen adoptieren, weil Jungs ihre Mutter immer lieben und Mädchen eben nicht. Dann hat sie ewig nicht mehr mit mir gesprochen. Aber ich habe trotzdem alles vorbereitet, Sachen gepackt, Tickets gekauft. Diese Entscheidung, wegzugehen, habe ich damals nicht als Krise wahrgenommen, aber jetzt im Rückblick denke ich, dass das die Krise mit dem ganzen Modell war, die ich damals hatte. Ich habe schon als Kind gelebt, was und wie meine Eltern wollten. Mein erstes Studium, Physik, war zwar meine Entscheidung, aber plötzlich wurde mir klar, dass es eigentlich nur für meine Eltern war. Weißt du, das war einfach so: die Eltern haben entschieden, auf welche Schule du gehst, damit du das studierst, was du studieren sollst, schon mit der Schulwahl ist man da so auf seinen Gleisen und kommt davon eigentlich auch nicht mehr runter. Es gab zwar Leute, die ihr Studium abgebrochen haben, aber das war ein Skandal. Mit Anfang 20 hat man in Russland schon Kinder, da ist dann eh kein Platz mehr für Fragen, was man eigentlich will und wer man ist. Ich musste da irgendwie raus.

Ein halbes Jahr später kam die Bewilligung und ich hatte drei Monate um auszureisen. Eigentlich hatte ich da schon keine Lust mehr, aber ich dachte: ich versuche das jetzt, ich kann ja immer noch zurück. Und los bin ich – und sofort in einem Asylheim gelandet, wo andere schon teilweise 10 Jahre lebten, weil die auf ihr Verfahren warten mussten. Ab und zu sind Menschen verschwunden, wenn sie einen negativen Bescheid bekommen hatten und über Nacht abhauen mussten. Das war mein erster Einblick ins „echte“ Leben, ich bin ja als Gewächshaustomate aufgewachsen, ich hatte keine Ahnung, wie das Leben funktioniert.

Ich bin als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. In den 70ern hat man ja beschlossen, Juden wieder zurück ins Land zu holen, und hat die Grenzen geöffnet. In der Zeit sind viele Leute aus Russland und auch aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Am Anfang haben sie alle noch in Schlössern gelebt und Wohnungen bekommen, ich sag’s dir: zwei Zimmer für eine Person! Das hat sich dann aber rumgesprochen und als ich kam, das war 2000, da wusste ich schon, dass es nicht mehr so paradiesisch sein wird – aber dass ich im Asylheim lande, hätte ich auch nicht erwartet. Ich hatte da zwar ein eigenes Zimmer, aber das war mir unheimlich. Ich bin dann lieber mit zu einer ukrainischen Familie gezogen. Nach zwei Wochen hatte ich meine Aufenthaltserlaubnis und bin sofort nach Berlin. In den ersten sechs Monaten hab ich sechs Mal die Wohnung gewechselt, und jede Wohnung war ein Abgrund des Lebens.

Die Frau, die mir die erste Wohnung vermietet hat, hatte so Angst, dass ich ihr in ihrer Abwesenheit die Kohlen klaue, dass sie mir den Kellerschlüssel nicht gegeben hat. Gut, okay, es gab Kohle im Supermarkt, aber der war sechs Busstationen entfernt, also hab ich gar nicht geheizt – bis das Wasser in der Flasche gefroren ist. Ich kam am 1. Januar und am 1. Februar hatte ich schon einen Job als Ingenieurin. Ich hab dann eine Einweihungsparty gemacht, und die Männer waren alle so komisch verhalten, bis einer zu mir sagte: „Du bist ja lesbisch, schade“. Weil überall in der Wohnung Regenbogen waren und Attribute des lesbischen Lebens. Ich wusste gar nicht, was das ist, also, ich wusste zwar, dass es das in der Theorie gibt, aber wie gesagt: Gewächshaustomate, und sie kam ja aus dem Bekanntenkreis meiner Mutter, und meine Mutter hatte es auch nicht gemerkt, aber deswegen dachte SIE, dass wir alle Bescheid wissen und die Sache klar wäre. Irgendwann kam sie zurück und hat mich tatsächlich angemacht, und ich hab gesagt: „ich steh auf Männer“, da hat sie einfach meine Sachen rausgestellt vor die Tür.

Ich bin dann erstmal bei einem Freund untergeschlüpft und hab von dort aus die nächste Wohnung gesucht, Altbau, an der Tür stand eine Tafel: Doktor der Psychologie. Haha. Mitte 50, links war sein Zimmer, der hat einfach ohne aufzustehen den Tag im Bett verbracht, hat gekifft und Wein getrunken, lag in seiner Haschischwolke, und ab und zu kam der Drogendealer. In dem anderen Zimmer lebte eine rumänische Flüchtlingsfrau und er sagte: „du musst aufpassen, sie hat Hepatitis C.“ Und ich so: alles klar. Und da waren auch noch zwei schwarze Katzen. Zwei Wochen später kam die Polizei und hat die Frau festgenommen. Die Frau hat behauptet, es wäre, weil sie zu viel schwarz gefahren wäre, aber das war ein Drogennest.

Die vierte Wohnung war in Steglitz, da war nach 9 Uhr abends absolute Stille, alle, wirklich alle haben geschlafen – und ich konnte nie einschlafen, es war mir zu still. Mein Mitbewohner war jung und knackig, Mitte 30, und eigentlich suchte er eine Frau, keine Mitbewohnerin. Am ersten Abend hat er mich in sein Zimmer gerufen und wollte mit mir so Atemgymnastik machen, ja, wirklich, er hat gesagt, ich müsste ein bisschen was für meinen Brustkorb tun und ich sollte mich auf den Rücken legen und er wollte an mir rumdrücken, haha, und ich war da wirklich noch so unbedarft, ich hab mich hingelegt und dann hat er an mir rumgedrückt, aber ich glaube, ich war sooo unbedarft, dass hat ihn dann doch wieder demotiviert. Von da ab hat er mich jedenfalls nicht mehr in sein Zimmer gerufen. Und dann hab ich meinen Geburtstag gefeiert, er war nicht da, und als er am nächsten Morgen kam, lag ich mit einem Typen im Bett. Bei mir im Bett, natürlich. Und dieser Mitbewohner hat nur meine Zimmertür aufgemacht, mich mit diesem Typen im Bett gesehen und wortlos die Tür wieder zugemacht. Am nächsten Tag hat er mich rausgeschmissen und im Treppenhaus einen handschriftlichen Brief an die Nachbarn aufgehangen: „Liebe Nachbarn, in meiner Abwesenheit und ohne mein Wissen haben gestern Nacht Feierlichkeiten liderlichen Ausmaßes in meiner Wohnung stattgefunden. Es ist dafür gesorgt, dass derlei nicht wieder vorkommen wird. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten.“

„Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten!“ Wahrscheinlich war der Typ von allen komischen Wohnungstypen der gruseligste.

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