Gemüt am Mittwoch
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Gemüt am Mittwoch: Bubis Butterkuchen

Ich (vierte von links) hatte mit der mir eigenen Zielstrebigkeit wieder einmal einen Sensationstreffer in Sachen Nebenjob gelandet. Nachdem ich ein Motivationsschreiben verfasst hatte, das einer Doktorarbeit (wenn nicht gar schon einem Gottesbeweis) weder in Umfang noch in der Stringenz der Argumentationsführung nachstand, nachdem ich liebe- wie gedankenvoll einen Lebenslauf entworfen hatte, dessen Werdegangstationen eindeutig und ebenso unausweichlich wie die Katastrophe in der griechischen Tragödie die gottgewollte Bestimmung für eben jenen einen, auserkorenen NEBENJOB bis in die frühen Kindheitstage hinein nachvollziehbar machten, nachdem ich Beweise und Belege für a) Schulabschlüsse, b) Studienabschlüsse, c) Auslandsaufenthalte, d) Lobeshymnen früherer Arbeitgeber, e) Zusatzqualifikationen (Erste Hilfe, Führerschein, Computerkenntnisse, fucking SOCIAL MEDIA etc., und ich verzichtete auch nicht auf den Tauchschein, und auch nicht auf den Trauschein und auch nicht auf die Scheidungsurkunde, klarer konnte ich mein Konfliktmanagement kaum in Worte fassen) und f) Sprachzeugnisse kopiert, beglaubigt und per Kurier landverschickt hatte, wurde ich tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, das ich aufgrund meiner Verzweiflung (ich war nicht mehr jung aber brauchte das Geld) glorreich bestritt: der Rock kurz, die Wimpern getuscht – und nicht zu vergessen: der selbstlose Einsatz der eigens angeschafften Brennschere.

Man händigte mir einen zehnseitigen Personalfragebogen aus, den auszufüllen man mir fünf Minuten gab (ob ich rauche und/oder Kaugummi kaue, wie ich „Schönheit“, „Reinlichkeit“ und „Mutterschaft“ gewichten und ob ich Heidegger Foucault vorziehen würde – und falls ja: warum in kurzen Sätzen -, was ich in meiner Freizeit zu tun gedenke und ob ich zu unbezahlten Überstunden und Fortbildungen außerhalb der Arbeitszeit bereit wäre (ja, natürlich, immer gerne) etc.). Noch während der Erfüllung dieser Ausfüllung kündigte man mir galant an, man würde mich vorerst nicht sozialversichern, dafür aber umsonst probearbeiten lassen. Anschließend zeigte man mir mit beachtlicher Selbstzufriedenheit einen Fuhrpark von zwei Gabelstaplern sowie ein Mehllager. Ich versuchte, beeindruckt zu wirken und gleichzeitig nicht zu husten, was mir beides offenbar ausreichend gelang. Der Chef (fünfter von links) schien geschmeichelt, er rauchte stark und stank nach Pomade, seine Finger waren gelb wie auch sein Grinsen, er sprach über Wachstum und Herausforderung, über Belegschaft, fairen Handel und Produktionsbedingungen, über die Schwierigkeit, als Mutter – vor allem als alleinerziehende – wieder in einem sogenannten Berufsleben Fuß zu fassen, eröffnete mir aber im selben Atemzug, dass ich vorerst nur samstags und nachmittags eingesetzt werden würde und mein Stundenlohn 0 Cent über dem Mindestlohn und 4 Euro unter dem eines Babysitters liegen würde.

Dann ging es los. Meine Aufgabe bestand darin, zusammen mit einigen anderen Frauen Butterkuchen zu verteilen. Unmengen an Butterkuchen. (Auf dem Foto erkennt man leider nicht, wie hoch gestapelt der Butterkuchen vor uns stand, und auch nicht, wie viele Meter die sich unterm Butterkuchen biegenden Tapeziertische nach links und rechts noch ausliefen). Es war eine Werbeveranstaltung, eine Monate währende Jubiläumsaktion, deren Gag (ich verzichte auf die Anführungszeichen) darin bestand, dass wir in jedes Stück Butterkuchen, das wir austeilten (und die Leute rissen uns die Kuchenfladen kreischend aus den Händen), zuvor selbst noch hinein bissen. Ich erinnere mich an den Slogan „Bubis Butterkuchen. Davon kriegt Mutti nie genug“ – wenn auch ungern. „Herzhaft ist das Stichwort“, sagte eine aufgeregt wirkende Kampagnenleitung im Dauerbriefing, während wir würgend nach den Butterkuchen schnappten, „das muss herzhaft aussehen, denkt dran, herzhaft!“

Der Chef stellte sich demonstrativ neben mich, um, wie er sagte, zu kontrollieren, ob ich „koordiniert“ genug für diese Aufgabe sei, er hätte „schon einige Akademikerinnen erlebt“, da hätte er sich schon fragen müssen, wie „um Himmels willen die in der freien Natur überleben“. Er stand da und starrte mir drei Stunden lang auf die Finger. Meine Finger waren lackiert und hin und wieder stieß er sein Unbehagen darüber aus. Das müsse sich ändern, wenn ich hier was werden wolle, brummelte er in einem Abstand von etwa zehn Minuten. Ich weiß nicht, ob er es wiederholte, weil er selbst immer wieder vergaß, dass er mir diesen zärtlichen Hinweis in Sachen „Aufstiegschancen“ bereits gegeben hatte, oder weil er davon ausging, dass ich mir seine Einstellung zu Nitrocellulose andernfalls nicht würde merken können.

Das Foto entstand circa drei Sekunden, bevor ich ihm die Scheibe Butterkuchen, die ich gerade in die Hand nehme, auf den widerlich glänzenden Scheitel klatschte und ging.

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