Gemüt am Mittwoch
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Gemüt am Mittwoch: Gespräche mit Pudel (Tonbandaufzeichnung)

5.Tag mit Pudel. Gespräche erweisen sich als schwierig, langwierig, nahezu unmöglich. Pudel unterbricht häufig, raucht stundenlang, teilweise ohne ein Wort zu sagen. Es geht ihm schlechter, selten erinnert er sich, wer ich bin und was ich hier mache. Roswitha, die Hausangestellte, verdreht nur die Augen. Mir aber setzt er zu. Gestern nacht wieder kein Auge zugetan, diese durchgelegene Matratze, das Knacken der Borkenkäfer und ständig und über allem sein röchelndes Husten mit anschließendem Ausspucken. Jedesmal bleibt mir das Herz stehen, bis er nur endlich ausspuckt, das Husten ein Ende hat und das Schnarchen den Anfang. Tagsüber wünsche ich oft, dass er stirbt, schon, wenn er am Frühstückstisch sitzt, wünsche ich das, ich kann so früh aufstehen, wie ich will, er ist jedes Mal schon vor mir wach und kratzt bereits mit dem Buttermesser über den Toast, dazu nickt und wackelt sein Kopf und mein Blick fällt wehrlos auf einen blassen, kantigen Fuß, der in einem abgetretenen Pantoffel steckt, und auf einen lilascheinenden Knöchel, der sich wie Beulenpest von der milchweißen Haut abhebt. Es ist Wut, Enttäuschung und diese Demütigung, von der ich noch nicht einmal weiß, ob er überhaupt einen Anteil daran hat, oder ob allein ich selbst sie mir zufüge (nein, sag jetzt nichts, Eve, ich weiß, was du sagen willst), warum ich ihm tagsüber so heftig den Tod wünsche, dass ich mich dabei ertappe, wie ich Gegenstände sehr lange anstarre: Messer, die auf dem Schneidbrett liegen, leere Weinflaschen vom Vorabend, einen Kerzenständer aus schwerem Messing – und nachts bleibt mir doch jedes Mal das Herz stehen und ich wünsche mit Inbrunst, dass er nicht sterben möge, nie, oder zumindest nicht, solange ich hier bin, und vor allem nicht an einem Hustenanfall. Ich möchte sein blau angelaufenes Gesicht nicht in meine Hände nehmen und eine Kälte wie rohen Hefeteig fühlen müssen. In den frühen Morgenstunden dann die schlappe Matratze auf den Boden gelegt und wenigstens ein Stündchen geschlafen, mit steifen Gliedern erwacht und den Nebel im Tal gesehen, mit Sonnenglitzer darüber. Gedacht, dass es schön wäre, Eve, wenn du nur hier wärst oder ich woanders.
In die Tonbandaufzeichnungen von gestern rein gehört. „PUDEL: (hustet lange) … früher! Hahachch… (sein Lachen wird ein Hustenanfall)… früher wollte ich immer Schrödingers Katze werden. Und heute … hahahachchc… naja, Sie sehen ja, was aus mir geworden ist. Heute fresse ich Würstchen … ROSWITHA (aus der Küche, ruft): Aber das sind Bio-Würstchen, gute Bio-Würstchen sind das! PUDEL: Ich sag ja nicht … (schweigt lange) Sagt Ihnen der Name „Everett“ etwas?“ Ich mag es nicht, wenn er jovial wird. Eve, was tue ich hier? Grüß mir den Heinrich und gib auch der Liese einen Kuss, hoffentlich sehe ich euch bald wieder. Und schreib mir, hörst du? Ich küsse dich.

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1 Kommentar

  1. Liebe Stepha,
    meinen Namen in deiner Leseliste zu sehen, das hat mich jetzt schon ein wenig umgehauen und freut mich sehr. Dabei wollte ich hier nur hinterlassen, daß ich von „Gemüt am Mittwoch“ schwer beeindruckt bin. Ich freue mich auf mehr davon! Liebe Grüße, Annett

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