Harriett Pracht
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Harriett Pracht.

Ich habe Harriett auf einer Sprachreise kennengelernt. Ich war 14 und in Torbay, weil ich kein Highschoolyear in Amerika machen durfte. Harriett war 16 und in Torbay, weil sie gerade nach mehreren Jahren in Lagos zurück nach Deutschland gezogen war und für’s deutsche Schulsystem ihr Pidgin-Englisch oxfordtauglich machen sollte. Wir mochten uns auf den ersten Blick.

Harriett hatte schon damals eine unglaubliche Art, für jedes Problem das richtige Rezept zu haben. „Rezept“ im doppelten Wortsinn: Lösungsanleitung einerseits und Zubereitungsart einer Speise andererseits. Bei Harriett schien beides ein und dasselbe zu sein. In egal welcher Lebenslage man auch gerade steckte – Harriett wusste, was man essen musste, um sich am eigenen Haarschopf wieder heraus zu ziehen. Wie eine Hexe glaubte sie an die Kraft des richtigen Essens.

Damals beschränkten sich ihre Rezept-Anweisungen zwar noch auf „Du brauchst Dairy Milk“ (nachdem sich herausstellte, dass in dieser merkwürdigen Gastfamilie „überraschend“ Familienbesuch angesagt war und ich mein Zimmer plötzlich mit den Spice-Girls-dauersingenden Zwillingen teilen musste),  oder „Okay, wir brauchen Thunfisch. In egal welcher Form, zur Not auch als eins dieser schrecklichen, blassen Sandwiches, die sie hier überall futtern.“ (Auf der Polizeiwache, nachdem unsere Clique von einer britischen Horde uns Deutsche hassender Jugendlicher überfallen, teilweise vermöbelt und quer durch die Stadt gejagt worden war. Sehr amüsant. Aber ich wurde auch nicht vermöbelt, ich musste nur laufen). Unser letztes Ausflugswochenende in London brachten wir ausschließlich damit zu, ein Restaurant zu suchen, in dem Wildschwein in Pfefferminzsauce serviert wurde. (Ja, damals gab es noch keine Smartphones). Harriett war überzeugt davon, dass Wildschwein in Pfefferminzsauce sinnlosen Liebeskummer heilt – und sinnlosen Liebeskummer hatten wir, oh ja! Schließlich wussten wir nicht, ob wir die beiden very britishen Jungs vom Pier jemals wieder sehen würden. Wir erkundeten mehr von London, als uns ein Abklappern aller Touri-Orte je gebracht hätte, und fanden am Ende tatsächlich ein Restaurant, das nicht nur Wildschwein, sondern (was wesentlich schwieriger war) auch Pfefferminzsauce auf der Speisekarte hatte – zwar nicht in ein und demselben Gericht, aber Harriett brachte die äußerst irritierte Bedienung dazu, unseren Sonderwunsch schließlich doch in die Küche zu tragen (Germans!). Und tatsächlich: auch das minzöse Wildschwein hat geholfen. Am Flughafen heulten wir nur unseretwegen – und nicht wegen irgendwelcher britischer Jungs mit Segelohren.

Seither haben wir viel telefoniert und Briefe geschrieben. Kein Telefonat mit Harriet, kein Brief von ihr in diesen Jahren endete ohne ein Rezept, das ich dringend nachkochen sollte, damit mich die Dinge, die mich beschäftigten, weniger beschäftigten. Zitronenhuhn afrikanischer Art für mehr Mut. Spezialgebeizten Wasabi-Lachs gegen Workaholismus. Schwarzbrotrisotto fürs Rückgrat. Und viele Rezepte mehr. Ich habe kein einziges nachgekocht. Wer weiß, wie viele Männerfehlgriffe ich frühzeitiger als solche identifiziert, wie viele Abzweigungen, die sich dann doch nur als Schleifen erwiesen, ich mir erspart hätte. Aber ich kann nicht kochen. Nur backen. (Und auch das nur inzwischen).

Jetzt aber hat mich Harriett nach all den Jahren endlich einmal besucht. Mein Glück kann sich nur vorstellen, wer selbst schon von ihrem sagenhaften Zitronenhuhn probiert hat. Und weil sich Glück nur vermehrt, wenn man es weitergibt, und Harriett experimentierfreudig wie eh und je ist, wird Harriett ab sofort auf diesem Blog eine rezeptliche Lebensberatung anbieten. Das Rezept für jede Lebenslage, so to say. Voraussetzung und Forderung ist, dass der Ratsuchende sich verpflichtet, das exakt auf ihn zugeschnittene Rezept auch tatsächlich nachzukochen.

Wer Lust hat/sich traut/neugierig ist/in einer ein Rezept erforderlich machenden Lebenslage steckt, schreibe sein Problem/seine Frage/sein Ratgesuche also möglichst ausführlich, umfassend, gleichwohl vage und anonymisiert (Achtung, es wird auf diesem Blog veröffentlicht) und unter der Angabe von etwaigen Diäten/Allergien/Lebensmittelabneigungen an: harriett.pracht[ät]web.de

Wer seine Mailadresse partout nicht preisgeben möchte, nutze einfach unten stehendes Kontaktformular.

Oh, ich freue mich und bin gespannt! Harriett, herzlich willkommen! Schön, dass du, wenn schon nicht häufiger in meiner Küche, so doch wenigstens auf meinem Blog sein kannst.

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2 Kommentare

  1. lotta sagt

    das ist ja eine unglaublich zauberhafte idee, jetzt muss ich dringend überlegen, wobei ich etwas küchenmagie gebrauchten könnte!

  2. die, die nicht wie Bridget Jones sein will sagt

    Oh, das klingt großartig, liebe Harriett Pracht! Ich bin gespannt, welches Rezept mir helfen könnte (manchmal sind anscheinend triviale Probleme doch riesig und bedürfen der Kraft des richtigen Essens)…

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