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Coney Island, Berlin.

Mit Coney Island verbinde ich zweierlei: zum einen eine höchst romantische Vorstellung von Sommerfrische, Brise, weißen Hüten, gehäkelten Handschuhen, Raddampfern, Liebeserklärungen und gesalzenen grünen Erbsen in Zeitungspapier. Zum anderen die eher wenig romantische Vorstellung von Vergnügungspark und sich im Sand sardinös wälzenden Menschenmassen in unvorteilhafter Badekleidung. Abschreckend genug.

Merkwürdig, dass einen trotzdem – und vor allem wochenends – eine scheinbar ewiglich unerfüllbare Sehnsucht nach Coney Island aufbrechen lässt. Mein Coney Island liegt im Grunewald und ist eine Sanddüne, die, wählt man den richtigen Farbfilter, nach genau dem aussieht, was sie ist: eine ehemals dem industriellen Abbau von Feinsand dienliche, jetzt verlassene Kiesgrube inmitten von Kieferngrün. Aber da man, wie bei so ziemlich allem, den Farbfilter der Betrachtung frei wählen kann, wählt man einen, durch den hindurch die Ödnis nach dem aussieht, was sie sein kann: Paradies. Sanddüne. Madagaskar. Die Kiefern werden Palmen und am Südhang ist es so warm, dass man schon barfuß gehen kann, während in der Innenstadt noch Schnee liegt.

Oben sitzen die Menschen wie Sammelfiguren und halten ihr Gesicht in die Sonne. Die Kinder rollen, wälzen, rutschen jauchzend den Hang hinab. Die Hunde tollen herum. Idyllisch, das alles. Sehr idyllisch. Wäre da nicht diese beklagenswerte Gestalt, die, mit Kopfhörern auf den Ohrwascheln und offenbar im Wahn, hier im Idyll Menschen mit Musik beglücken zu wollen, Oboe übt. „I love you just the way you are“. Weil die beklagenswerte Gestalt noch sehr am Anfang ihrer Karriere zu stehen scheint, heben die übrigen Menschen ihre Köpfe. Schütteln die Köpfe. Verdrehen die Augen. Was die Gestalt nicht mitbekommt. Sie übt mit geschlossenen Augen. Ein und denselben Takt. In Endlosschleife. „I love you just the way you are“. Stundenlang. „I love you just the way you are“. Immer wieder. „I love you just the way you are.“

Man könnte darüber ins Philosophieren geraten. Wäre da nicht diese Gruppe junger Frauen, die sich das Idyll als Übungsplatz für ihr Bootcamp-Training auserkoren hat und deswegen fortwährend von einem männlichen Einbauschrank angeschrien wird: „Okay, Mädels! Let’s go! Hoch die Ärsche! Ick sachte ARSCH HOCH! Move, move, mooooove!“ Woraufhin sich die Mädels flach in den Sand werfen, um gleich darauf wie die Frösche in die Höhe zu hüpfen, um gleich darauf Liegestütze zu machen, wofür sie sofort mit weiteren Liegestütze bestraft werden, die sie gefälligst lauthals mitzählen sollen. Man könnte vielleicht auch das „Move! Move! Move!!“ in die Philosophiererei einbauen (und sicherlich auch die „Ärsche“), würde die körperliche Ertüchtigung nicht auch noch von einer Drohne gefilmt werden, die mit dem sanften Rauschen einer Kreissäge hoch und runter und wieder hoch und runter fliegt.

Man kehrt, enttäuscht, bestätigt und zufrieden, Coney Island den Rücken, um es andernorts zu suchen. Wenig später erreicht man über Wurzeln und Hänge den Wannsee. Tritt in einen Sonnenuntergang. Und spätestens an der Schwanenbucht wird es dann so sehr Coney Island Baby, dass man es fast nicht aushalten kann.

 

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