Hausbesuche
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Berliner Türen

Ein Mann öffnet. Ich freue mich über jeden, der öffnet. Auch, wenn er keine Frau ist und keine roten Locken hat.

„Entschuldigen Sie, ich suche eine Frau, bei der im Wohnzimmer ein Strandkorb steht und die sich von ihrem Mann getrennt hat? Meiner Erinnerung nach müsste sie hier im Haus wohnen, und zwar nicht im ersten Stock, weil man von ihrem Küchenfenster aus die Blätter der Linde im Hinterhof sieht – und nicht den Stamm.“

– „Und wie heißt sie?“

„Das eben weiß ich nicht, sonst würde ich ja einfach bei ihr klingeln und nicht bei Ihnen. (Scherzkeks). Sie ist vor fünf Jahren eingezogen, hat rote Locken und hinkt, weil sie mal einen Motorradunfall hatte.“

Er weiß jetzt, wen ich meine, das seh ich ihm an. Er aber mustert mich misstrauisch: „Und warum suchen Sie sie? Schuldet sie Ihnen Geld oder sowas?“

„Nein. (Was für eine Frage! Ist er … Drehbuchschreiber?? Werde sofort neugierig. Rückfallneugierig. Erwäge, ihm aus dem Stegreif ein Kaffeekränzchen mit mir anzutragen. Aber ich bin etwas aus der Übung – und außerdem muss ich die Rotlockige finden). Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe einmal in 200 Tagen 200 Menschen hier in der Straße besucht und mit ihnen Kaffee getrunken und daraus wird jetzt ein Buch. Und ich will die Frau fragen, ob ich auch über den Besuch bei ihr schreiben darf.“

Es ist ja schon schwierig, jeden Tag so lange an Haustüren zu klingeln, bis einen jemand hinein lässt. Noch schwieriger aber ist es, so lange zu klingeln, bis einen jemand ganz Bestimmtes hinein lässt. Hätte ich geahnt, dass aus meinem Projekt einmal ein Buch werden würde, wäre ich etwas systematischer vorgegangen. So aber sind mir zwar manche Gespräche noch immer satzgenau im Kopf – aber ich habe weder die Hausnummer dazu, noch die Emailadresse (oh, das wäre praktisch), noch den Nachnamen. Vornamen: ja. Jede Menge. Aber die Hälfte von ihnen sind pseudonym. Felixes, Utes, Marias, die eigentlich ganz anders heißen. Himmel, werde ich die ganze Straße noch einmal durchklingeln müssen?

– „Tja, tut mir leid, die ist weggezogen“, sagt der Mann und scheint amüsiert Anteil nehmend, „aber die seh ich noch ab und zu, lass mir doch deine Nummer da, dann frag ich sie, wenn sie mir über den Weg läuft. Warte!“

Er verschwindet in seiner Wohnung. Braucht. Braucht lange. Kommt wieder und reicht mir Thomas Bernhards „Auslöschung“. Als Schreibunterlage. Wenn das keine Aufforderung ist. Ich werde ihn auf jeden Fall für ein Kaffeekränzchen heimsuchen. Das nächste Mal. Und mit Käsekuchen.

Hier, aus gegebenem Anlass und zur Erklärung, warum mich in Basel die gewienerten Haustüren so fasziniert haben, ein kleiner Einblick in die Berliner Haustürenmode:

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5 Kommentare

  1. Annina Diebold sagt

    Liebe Stepha,

    ganz ganz großartig finde ich Dein Buch, das ich erst letzte Woche geschenkt bekam und in 3 Tagen durch gelesen hatte – trotz 2 Kindern zuhause 😉
    Was für eine großartige Idee und wo herrlich Du ihre so lustige Umsetzung beschrieben hast!!
    Und auch mir ging es so, dass ich richtig traurig war, als heute die letzte Seite aufging, dass ich Eselsohren an den besonders leckeren Rezepten reingemacht hab (bevor ich die wunderbare Auflistung am Ende gesehen hatte) und dass ich ein wenig bedauere, schon vor vielen Jahren von Berlin zurück in meine Heimat nach Stuttgart gezogen zu sein – bevor Du die Chance hattest, bei mir zu klingeln! Ich hätte Dich reingelassen, – vielleicht nach einem kurzen erstaunten Check nach einem Küchenmesser in Deinem Korb 😉
    Ich werde Dein Buch auf jeden Fall in meine Favoritenliste für Geschenke aufnehmen und hab es schon per Büchersendung an meine beste Freundin nach München geschickt.
    Es gehört verteilt unter den Menschen – auf dass es viele so zum Lachen bringe wie mich, auf dass es alle ein wenig nachdenklich stimme ob ihrer oft vorschnell getroffenen Urteile über ihre Mitmenschen und auf dass die hoffentlich danach stark reduzierten Schubladen für mehr Offenheit und Toleranz und NachbarschaftsFreundschaftsMenschlichkeits-Zauber führen mögen!!!

    Alles Liebe,
    Annina

  2. Becci sagt

    Liebe Stephanie,
    Ich lese gerade dein Buch und bin ganz begeistert! Du schreibst sehr schön, an einigen Stellen musste ich bisher schon laut loskichern. Was mich aber noch mehr begeistert ist Folgendes: Ich bin vor ca 1 1/2 Jahren nach Berlin gekommen (auch aus Bayern) und will gar nicht mehr weg. Vor allem seit ich von Tegel nach Prenzlauer Berg gezogen bin – in, wie ich mir beim Lesen deines Buches immer sicherer werde, deine Straße!
    Meine Freundin und ich hatten schon überlegt, auch (natürlich mit Kuchen) von Tür zu Tür zu ziehen, um dich evtl „zufällig“ zu treffen..
    Naja..
    Dein „Projekt“ ist ja mittlerweile vorbei, aber falls du doch noch Lust auf eine weitere Begegnung dieser Art hast, melde dich einfach 🙂

    Liebe Grüße
    Becci

    • Liebe Becci – nein, das gibt’s doch nicht! Da bekomme ich tatsächlich sofort Lust auf eine Begegnung dieser Art!
      Melde dich! Liebe Grüße – und herzlich willkommen im Kiez! Stepha

  3. madameflamusse sagt

    Hach so sehen Türen auch bei uns in Dresden aus 😀
    Hab grad dein Buch fertig gelesen und liebe es – jetzt heißt es dann auf auf Kuchen backen, ich werde natürlich (fast) alle Rezepte ausprobieren. Und ich hab auch ziemlich Lust drauf bekommen hier auch mal bei den Nachbarn zu klingeln.
    Liebe Grüße

  4. Rosemarie Irl sagt

    Liebe Stephanie,

    hatte in der PNP den so schönen Artikel über Sie und das Buch gelesen, es lag bereits in der Buchhandlung bereit. So habe ich mehrfach zugegriffen und alle gleich zwecks Geburtstage an meine Freundinnen verschickt.
    Die Reaktionen waren so begeistert! Nun endlich konnte ich es selber in die Hand nehmen und bei meinen wöchentlichen Fahrten per Zug zu meinen Enkerln lesen (auch deshalb per Zug). Gestern war ich bei der Heimfahrt ein bisserl traurig, als die letzte Seite kam.

    Nachdem ich nun mit dem Buch geschmunzelt, gelacht und auch mal geweint habe – ist es mir ganz wichtig, Ihnen meine Begeisterung mitzuteilen!!!! Allein die Idee und die anfänglichen Bauchschmerzen, die Beharrlichkeit und diese Kunst, das alles noch so schön zu beschreiben, alle Achtung!

    Vielen Dank, dass ich „dabei sein“ durfte!
    Als gebürtige Altenburgerin habe ich ja auch noch Ihre Oma und Opa gut gekannt, mit den Onkeln als Kind gespielt und Ihre Mama aufwachsen gesehen. Meine älteste Tochter Katrin hat mit Denise das Abitur gemacht. So kenne ich noch heute ein wenig Ihre Familie. Das floss dann auch immer wieder beim lesen mit ein. Das weckte bei mir Erinnerungen an meine Jugend in Altenburg. Ihre Oma, das Erdbeerfeld usw.

    Ihre Herzlichkeit und Ihre nicht zu erschütternde Menschenliebe und Ihre Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, schaut aus jeder Zeile raus. Man möchte gar nicht aufhören zu lesen.

    Ich wünsche Ihnen alles Gute!
    Rosemarie Irl (geb. Lepel)

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