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Gemüt am Mittwoch: Bubis Butterkuchen

Ich (vierte von links) hatte mit der mir eigenen Zielstrebigkeit wieder einmal einen Sensationstreffer in Sachen Nebenjob gelandet. Nachdem ich ein Motivationsschreiben verfasst hatte, das einer Doktorarbeit (wenn nicht gar schon einem Gottesbeweis) weder in Umfang noch in der Stringenz der Argumentationsführung nachstand, nachdem ich liebe- wie gedankenvoll einen Lebenslauf entworfen hatte, dessen Werdegangstationen eindeutig und ebenso unausweichlich wie die Katastrophe in der griechischen Tragödie die gottgewollte Bestimmung für eben jenen einen, auserkorenen, kindheitsträumenden (Schauspielerin!) NEBENJOB bis in die frühen Kindheitstage hinein nachvollziehbar machten, nachdem ich Beweise und Belege für a) Schulabschlüsse, b) Studienabschlüsse, c) Auslandsaufenthalte, d) Lobeshymnen früherer Arbeitgeber, e) Zusatzqualifikationen (Erste Hilfe, Führerschein, Computerkenntnisse, fucking SOCIAL MEDIA etc., und ich verzichtete auch nicht auf den Tauchschein, und auch nicht auf den Trauschein und auch nicht auf die Scheidungsurkunde, klarer konnte ich mein Konfliktmanagement kaum in Worte fassen) und f) Sprachzeugnisse kopiert, beglaubigt und per Kurier landverschickt hatte, wurde ich tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, das ich aufgrund meiner Verzweiflung (ich war nicht mehr jung aber brauchte das Geld) glorreich bestritt (der Rock kurz, die Wimpern getuscht, nicht zu vergessen: der selbstlose Einsatz der eigens angeschafften Brennschere). Man händigte mir einen zehnseitigen Personalfragebogen aus, den auszufüllen man mir fünf Minuten gab (ob ich rauche, ob ich Kaugummi kaue, wie ich „Schönheit“, „Reinlichkeit“ und „Mutterschaft“ gewichten und ob ich Heidegger Foucault vorziehen würde – und falls ja: warum in kurzen Sätzen -, was ich in meiner Freizeit zu tun gedenke und ob ich zu unbezahlten Überstunden und Fortbildungen außerhalb der Arbeitszeit bereit wäre (ja, natürlich, immer gerne) etc.) und noch während der Erfüllung dieser Ausfüllung kündigte man mir galant an, man würde mich vorerst nicht sozialversichern, dafür aber umsonst probearbeiten lassen. Anschließend zeigte man mir mit beachtlicher Selbstzufriedenheit einen Fuhrpark von zwei Gabelstaplern sowie ein Mehllager, ich versuchte, beeindruckt zu wirken und gleichzeitig nicht zu husten, was mir beides offenbar ausreichend gelang. Der Chef (fünfter von links) schien geschmeichelt, er rauchte stark und stank nach Pomade, seine Finger waren gelb wie auch sein Grinsen, er sprach über Wachstum und Herausforderung, über Belegschaft, fairen Handel und Produktionsbedingungen, über die Schwierigkeit, als Mutter – und vor allem als alleinerziehende – wieder in einem sogenannten Berufsleben Fuß zu fassen, das sollte wohl mitfühlend sein, denn wenig später eröffnete er mir, dass ich vorerst nur samstags und nachmittags eingesetzt werden würde und noch ein wenig später stellte sich heraus, dass der Stundenlohn 0 Cent über dem Mindestlohn und 4 Euro unter dem Lohn eines Babysitters liegen würde.

Dann ging es los. Meine Aufgabe bestand – zusammen mit einigen anderen Frauen – darin, Butterkuchen zu verteilen. Unmengen an Butterkuchen, auf dem Foto erkennt man leider nicht, wie hoch gestapelt der Butterkuchen vor uns stand, und auch nicht, wie viele Meter Tapeziertische nach links und rechts noch ausliefen. Es war eine Werbeveranstaltung, eine Monate währende Jubiläumsaktion, deren Gag (ich verzichte auf die Anführungszeichen) darin bestand, dass wir in jedes Stück Butterkuchen, das wir austeilten (und die Leute rissen uns die Kuchenfladen kreischend aus den Händen), selbst noch hinein bissen. Ich erinnere mich an den Slogan „Bubis Butterkuchen. Davon kriegt Mutti nie genug“ – wenn auch ungern – und auch an „Glyphosat, das schmeckt mir“, oder zumindest so ähnlich. „Herzhaft ist das Stichwort“, sagte eine aufgeregt wirkende Kampagnenleitung im Dauerbriefing, „das muss herzhaft aussehen, denkt dran, herzhaft!“

Der Chef stellte sich demonstrativ neben mich, um, wie er sagte, zu kontrollieren, ob ich „koordiniert“ genug für diese Aufgabe sei, er hätte „schon einige Akademikerinnen erlebt“, da hätte er sich schon fragen müssen, wie „um Himmels willen die in der freien Natur überleben“. Er stand da und starrte mir drei Stunden lang auf die Finger. Meine Finger waren lackiert und hin und wieder stieß er sein Unbehagen darüber aus. Das müsse sich ändern, wenn ich hier was werden wolle, brummelte er in einem Abstand von etwa zehn Minuten. Ich weiß nicht, ob er es wiederholte, weil er selbst immer wieder vergaß, dass er mir diesen zärtlichen Hinweis in Sachen „Karriere“ bereits gegeben hatte, oder weil er davon ausging, dass ich mir seine Einstellung zu Nitrocellulose andernfalls nicht würde merken können.

Das Foto entstand circa drei Sekunden, bevor ich ihm die Scheibe Butterkuchen, die ich gerade in die Hand nehme, auf den widerlich glänzenden Scheitel klatschte und ging.

schroedingers katze

Gemüt am Mittwoch: Gespräche mit Pudel (Tonbandaufzeichnung)

5.Tag mit Pudel. Gespräche erweisen sich als schwierig, langwierig, nahezu unmöglich. Pudel unterbricht häufig, raucht stundenlang, teilweise ohne ein Wort zu sagen. Es geht ihm schlechter, selten erinnert er sich, wer ich bin und was ich hier mache. Roswitha, die Hausangestellte, verdreht nur die Augen. Mir aber setzt er zu. Gestern nacht wieder kein Auge zugetan, diese durchgelegene Matratze, das Knacken der Borkenkäfer und ständig und über allem sein röchelndes Husten mit anschließendem Ausspucken. Jedesmal bleibt mir das Herz stehen, bis er nur endlich ausspuckt, das Husten ein Ende hat und das Schnarchen den Anfang. Tagsüber wünsche ich oft, dass er stirbt, schon, wenn er am Frühstückstisch sitzt, wünsche ich das, ich kann so früh aufstehen, wie ich will, er ist jedes Mal schon vor mir wach und kratzt bereits mit dem Buttermesser über den Toast, dazu nickt und wackelt sein Kopf und mein Blick fällt wehrlos auf einen blassen, kantigen Fuß, der in einem abgetretenen Pantoffel steckt, und auf einen lilascheinenden Knöchel, der sich wie Beulenpest von der milchweißen Haut abhebt. Es ist Wut, Enttäuschung und diese Demütigung, von der ich noch nicht einmal weiß, ob er überhaupt einen Anteil daran hat, oder ob allein ich selbst sie mir zufüge (nein, sag jetzt nichts, Eve, ich weiß, was du sagen willst), warum ich ihm tagsüber so heftig den Tod wünsche, dass ich mich dabei ertappe, wie ich Gegenstände sehr lange anstarre: Messer, die auf dem Schneidbrett liegen, leere Weinflaschen vom Vorabend, einen Kerzenständer aus schwerem Messing – und nachts bleibt mir doch jedes Mal das Herz stehen und ich wünsche mit Inbrunst, dass er nicht sterben möge, nie, oder zumindest nicht, solange ich hier bin, und vor allem nicht an einem Hustenanfall. Ich möchte sein blau angelaufenes Gesicht nicht in meine Hände nehmen und eine Kälte wie rohen Hefeteig fühlen müssen. In den frühen Morgenstunden dann die schlappe Matratze auf den Boden gelegt und wenigstens ein Stündchen geschlafen, mit steifen Gliedern erwacht und den Nebel im Tal gesehen, mit Sonnenglitzer darüber. Gedacht, dass es schön wäre, Eve, wenn du nur hier wärst oder ich woanders.
In die Tonbandaufzeichnungen von gestern rein gehört. „PUDEL: (hustet lange) … früher! Hahachch… (sein Lachen wird ein Hustenanfall)… früher wollte ich immer Schrödingers Katze werden. Und heute … hahahachchc… naja, Sie sehen ja, was aus mir geworden ist. Heute fresse ich Würstchen … ROSWITHA (aus der Küche, ruft): Aber das sind Bio-Würstchen, gute Bio-Würstchen sind das! PUDEL: Ich sag ja nicht … (schweigt lange) Sagt Ihnen der Name „Everett“ etwas?“ Ich mag es nicht, wenn er jovial wird. Eve, was tue ich hier? Grüß mir den Heinrich und gib auch der Liese einen Kuss, hoffentlich sehe ich euch bald wieder. Und schreib mir, hörst du? Ich küsse dich.

Hier sieht man Martha mit ihrem goldenen Ball, bei dem verzweifelten Versuch, einen willigen Frosch anzulocken.

Gemüt am Mittwoch: Martha mit goldenem Ball

Gemüt am Mittwoch: ein altes Foto – eine neue Geschichte. Heute: Martha mit goldenem Ball.

Martha hatte sich bislang geweigert, an Frösche zu glauben. Jetzt, da sie vom Himmel zu fallen schienen, wollte sie doch bitteschön auch einen. Einen mit Krönchen. Einen, der sie aus dem dörflichen Sumpf in ein Schloß geleiten sollte (eines mit Dienern, nicht mit Sanierungsbedarf), einen, der Türen aufhalten, in Mäntel helfen und geistreiche Unterhaltungen führen konnte – und nicht nur mit sich selbst. Kurzum, sie wollte einen, der vorzeigbar war unter den anderen Fröschen.

Aber mit den Fröschen war es so eine Sache. Welchen sollte sie wählen? Einen Raketenfrosch etwa? Klein und wendig war er, ja – aber machte es Spaß, so einen Frosch immer 12 Meter im Voraus zu wissen? 12 Meter sind 12 Meter, wenn man sie gehen muss. Vielleicht doch lieber einen Wendehalsfrosch? Wendehalsfrösche – und das bewunderte Martha an ihnen – überleben, indem sie sich per Hautsekret unsichtbar machen. Aber wer will schon einen dauerschwitzenden Frosch? Nichts gegen das Schwitzen – wenn es denn das richtige ist. Arbeit und Sport: ja. Angst: nein. Und so ein Wendehals musste doch Angst haben, in einem Termitennest. Nein, einen Angstfrosch wollte Martha nicht. Außerdem: wie sollte sie ihn finden, wo er doch unsichtbar war.

Es waren solche und ähnliche Überlegungen, denen Martha die Schuld gab, den Erfolg ihrer wackeren Suche zu hemmen. Aber im Grunde – und das wusste Martha – stellte sich ihrem Froschgesuch etwas ganz anderes in den Weg. Im Protokoll las man ja immer von Fröschen, die an linnengedeckten Tischen sitzen und Gabelhäppchen von güldenen Tellerchen einzunehmen wünschen. Martha aber mochte der Frösche Essgewohnheiten nicht leiden. Vor allem nicht die Inbrunst, mit welcher sie Geräusche von sich zu geben pflegen, wenn es ihnen schmeckt – und es schmeckt ihnen ja nahezu alles. Sie würgen, sie schlingen – diese Flinkheit der Zunge, die Klebrigkeit des Speichels … Jeder, der einen Frosch auch nur ein einziges Mal beim Schlucken beobachtet hat, wird Marthens natürlichen Ekel verstehen.

Nein, sie wollte keinen Frosch, um mit ihm am Kaminfeuer zu sitzen und Abend für Abend doch nur gehörig Cognac mit Eischnee zu trinken, damit sich ein Adamsapfel ertragen lässt, wie er sich hebt und senkt. Nein. Sie wollte einen Frosch, um ihn lebendigen Leibes in einem Ameisenhaufen zu vergraben. Neun Tage später würde sie sich mit den abgenagten Knöchelein (es durfte also gar kein Wendehalsfrosch sein) die Haut bestreichen. Ein alter Hauszauber war das, um demjenigen in Liebe zu verfallen, den man nach der Streicheleinheit sieht. Und in Liebe verfallen wollte Martha, oh, ja, sie wollte endlich einmal in Liebe verfallen – zu ihm oder einem anderen: gleichviel. So ließe vielleicht auch das Schmatzen und Stöhnen sich ertragen. (Doch nein, Frösche soll man nicht verachten, denn im Gegensatz zu uns vertrocknen sie nur und werden nicht von Würmern zerfressen.)

Und so steht sie am Weiher, die liebe Martha, und wirft ihren Ball, um die Frösche zu rufen, und denkt nicht daran, dass sie, wenn sie den ersten Frosch des Jahres im Wasser und nicht hüpfend im Grase sieht, Unglück haben und viel weinen wird. So ist das mit den Fröschen nämlich. Aber nein, so weit denkt Martha nicht. Stattdessen denkt sie „Warum hab ich dieses Kind nur mitgenommen“, annehmend, es läge am Plantschen der noch rosigen Beine, warum das hohle Gold nicht unter die Oberfläche gehen und Frösche anlocken mag, „aber vielleicht wird wenigstens aus dem Kind mal eine Kaiserin.“

harriett_pracht

Harriett Pracht.

Ich habe Harriett auf einer Sprachreise kennengelernt. Ich war 14 und in Torbay, weil ich kein Highschoolyear in Amerika machen durfte. Harriett war 16 und in Torbay, weil sie gerade nach mehreren Jahren in Lagos zurück nach Deutschland gezogen war und für’s deutsche Schulsystem ihr Pidgin-Englisch oxfordtauglich machen sollte. Wir mochten uns auf den ersten Blick.

Harriett hatte schon damals eine unglaubliche Art, für jedes Problem das richtige Rezept zu haben. „Rezept“ im doppelten Wortsinn: Lösungsanleitung einerseits und Zubereitungsart einer Speise andererseits. Bei Harriett schien beides ein und dasselbe zu sein. In egal welcher Lebenslage man auch gerade steckte – Harriett wusste, was man essen musste, um sich am eigenen Haarschopf wieder heraus zu ziehen. Wie eine Hexe glaubte sie an die Kraft des richtigen Essens.

Damals beschränkten sich ihre Rezept-Anweisungen zwar noch auf „Du brauchst Dairy Milk“ (nachdem sich herausstellte, dass in dieser merkwürdigen Gastfamilie „überraschend“ Familienbesuch angesagt war und ich mein Zimmer plötzlich mit den Spice-Girls-dauersingenden Zwillingen teilen musste),  oder „Okay, wir brauchen Thunfisch. In egal welcher Form, zur Not auch als eins dieser schrecklichen, blassen Sandwiches, die sie hier überall futtern.“ (Auf der Polizeiwache, nachdem unsere Clique von einer britischen Horde uns Deutsche hassender Jugendlicher überfallen, teilweise vermöbelt und quer durch die Stadt gejagt worden war. Sehr amüsant. Aber ich wurde auch nicht vermöbelt, ich musste nur laufen). Unser letztes Ausflugswochenende in London brachten wir ausschließlich damit zu, ein Restaurant zu suchen, in dem Wildschwein in Pfefferminzsauce serviert wurde. (Ja, damals gab es noch keine Smartphones). Harriett war überzeugt davon, dass Wildschwein in Pfefferminzsauce sinnlosen Liebeskummer heilt – und sinnlosen Liebeskummer hatten wir, oh ja! Schließlich wussten wir nicht, ob wir die beiden very britishen Jungs vom Pier jemals wieder sehen würden. Wir erkundeten mehr von London, als uns ein Abklappern aller Touri-Orte je gebracht hätte, und fanden am Ende tatsächlich ein Restaurant, das nicht nur Wildschwein, sondern (was wesentlich schwieriger war) auch Pfefferminzsauce auf der Speisekarte hatte – zwar nicht in ein und demselben Gericht, aber Harriett brachte die äußerst irritierte Bedienung dazu, unseren Sonderwunsch schließlich doch in die Küche zu tragen (Germans!). Und tatsächlich: auch das minzöse Wildschwein hat geholfen. Am Flughafen heulten wir nur unseretwegen – und nicht wegen irgendwelcher britischer Jungs mit Segelohren.

Seither haben wir viel telefoniert und Briefe geschrieben. Kein Telefonat mit Harriet, kein Brief von ihr in diesen Jahren endete ohne ein Rezept, das ich dringend nachkochen sollte, damit mich die Dinge, die mich beschäftigten, weniger beschäftigten. Zitronenhuhn afrikanischer Art für mehr Mut. Spezialgebeizten Wasabi-Lachs gegen Workaholismus. Schwarzbrotrisotto fürs Rückgrat. Und viele Rezepte mehr. Ich habe kein einziges nachgekocht. Wer weiß, wie viele Männerfehlgriffe ich frühzeitiger als solche identifiziert, wie viele Abzweigungen, die sich dann doch nur als Schleifen erwiesen, ich mir erspart hätte. Aber ich kann nicht kochen. Nur backen. (Und auch das nur inzwischen).

Jetzt aber hat mich Harriett nach all den Jahren endlich einmal besucht. Mein Glück kann sich nur vorstellen, wer selbst schon von ihrem sagenhaften Zitronenhuhn probiert hat. Und weil sich Glück nur vermehrt, wenn man es weitergibt, und Harriett experimentierfreudig wie eh und je ist, wird Harriett ab sofort auf diesem Blog eine rezeptliche Lebensberatung anbieten. Das Rezept für jede Lebenslage, so to say. Voraussetzung und Forderung ist, dass der Ratsuchende sich verpflichtet, das exakt auf ihn zugeschnittene Rezept auch tatsächlich nachzukochen.

Wer Lust hat/sich traut/neugierig ist/in einer ein Rezept erforderlich machenden Lebenslage steckt, schreibe sein Problem/seine Frage/sein Ratgesuche also möglichst ausführlich, umfassend, gleichwohl vage und anonymisiert (Achtung, es wird auf diesem Blog veröffentlicht) und unter der Angabe von etwaigen Diäten/Allergien/Lebensmittelabneigungen an: harriett.pracht[ät]web.de

Wer seine Mailadresse partout nicht preisgeben möchte, nutze einfach unten stehendes Kontaktformular.

Oh, ich freue mich und bin gespannt! Harriett, herzlich willkommen! Schön, dass du, wenn schon nicht häufiger in meiner Küche, so doch wenigstens auf meinem Blog sein kannst.

düne vs düne

Coney Island, Berlin.

Mit Coney Island verbinde ich zweierlei: zum einen eine höchst romantische Vorstellung von Sommerfrische, Brise, weißen Hüten, gehäkelten Handschuhen, Raddampfern, Liebeserklärungen und gesalzenen grünen Erbsen in Zeitungspapier. Zum anderen die eher wenig romantische Vorstellung von Vergnügungspark und sich im Sand sardinös wälzenden Menschenmassen in unvorteilhafter Badekleidung. Abschreckend genug.

Merkwürdig, dass einen trotzdem – und vor allem wochenends – eine scheinbar ewiglich unerfüllbare Sehnsucht nach Coney Island aufbrechen lässt. Mein Coney Island liegt im Grunewald und ist eine Sanddüne, die, wählt man den richtigen Farbfilter, nach genau dem aussieht, was sie ist: eine ehemals dem industriellen Abbau von Feinsand dienliche, jetzt verlassene Kiesgrube inmitten von Kieferngrün. Aber da man, wie bei so ziemlich allem, den Farbfilter der Betrachtung frei wählen kann, wählt man einen, durch den hindurch die Ödnis nach dem aussieht, was sie sein kann: Paradies. Sanddüne. Madagaskar. Die Kiefern werden Palmen und am Südhang ist es so warm, dass man schon barfuß gehen kann, während in der Innenstadt noch Schnee liegt.

Oben sitzen die Menschen wie Sammelfiguren und halten ihr Gesicht in die Sonne. Die Kinder rollen, wälzen, rutschen jauchzend den Hang hinab. Die Hunde tollen herum. Idyllisch, das alles. Sehr idyllisch. Wäre da nicht diese beklagenswerte Gestalt, die, mit Kopfhörern auf den Ohrwascheln und offenbar im Wahn, hier im Idyll Menschen mit Musik beglücken zu wollen, Oboe übt. „I love you just the way you are“. Weil die beklagenswerte Gestalt noch sehr am Anfang ihrer Karriere zu stehen scheint, heben die übrigen Menschen ihre Köpfe. Schütteln die Köpfe. Verdrehen die Augen. Was die Gestalt nicht mitbekommt. Sie übt mit geschlossenen Augen. Ein und denselben Takt. In Endlosschleife. „I love you just the way you are“. Stundenlang. „I love you just the way you are“. Immer wieder. „I love you just the way you are.“

Man könnte darüber ins Philosophieren geraten. Wäre da nicht diese Gruppe junger Frauen, die sich das Idyll als Übungsplatz für ihr Bootcamp-Training auserkoren hat und deswegen fortwährend von einem männlichen Einbauschrank angeschrien wird: „Okay, Mädels! Let’s go! Hoch die Ärsche! Ick sachte ARSCH HOCH! Move, move, mooooove!“ Woraufhin sich die Mädels flach in den Sand werfen, um gleich darauf wie die Frösche in die Höhe zu hüpfen, um gleich darauf Liegestütze zu machen, wofür sie sofort mit weiteren Liegestütze bestraft werden, die sie gefälligst lauthals mitzählen sollen. Man könnte vielleicht auch das „Move! Move! Move!!“ in die Philosophiererei einbauen (und sicherlich auch die „Ärsche“), würde die körperliche Ertüchtigung nicht auch noch von einer Drohne gefilmt werden, die mit dem sanften Rauschen einer Kreissäge hoch und runter und wieder hoch und runter fliegt.

Man kehrt, enttäuscht, bestätigt und zufrieden, Coney Island den Rücken, um es andernorts zu suchen. Wenig später erreicht man über Wurzeln und Hänge den Wannsee. Tritt in einen Sonnenuntergang. Und spätestens an der Schwanenbucht wird es dann so sehr Coney Island Baby, dass man es fast nicht aushalten kann.

 

eathe rich and brown

Berliner Türen

Ein Mann öffnet. Ich freue mich über jeden, der öffnet. Auch, wenn er keine Frau ist und keine roten Locken hat.

„Entschuldigen Sie, ich suche eine Frau, bei der im Wohnzimmer ein Strandkorb steht und die sich von ihrem Mann getrennt hat? Meiner Erinnerung nach müsste sie hier im Haus wohnen, und zwar nicht im ersten Stock, weil man von ihrem Küchenfenster aus die Blätter der Linde im Hinterhof sieht – und nicht den Stamm.“

– „Und wie heißt sie?“

„Das eben weiß ich nicht, sonst würde ich ja einfach bei ihr klingeln und nicht bei Ihnen. (Scherzkeks). Sie ist vor fünf Jahren eingezogen, hat rote Locken und hinkt, weil sie mal einen Motorradunfall hatte.“

Er weiß jetzt, wen ich meine, das seh ich ihm an. Er aber mustert mich misstrauisch: „Und warum suchen Sie sie? Schuldet sie Ihnen Geld oder sowas?“

„Nein. (Was für eine Frage! Ist er … Drehbuchschreiber?? Werde sofort neugierig. Rückfallneugierig. Erwäge, ihm aus dem Stegreif ein Kaffeekränzchen mit mir anzutragen. Aber ich bin etwas aus der Übung – und außerdem muss ich die Rotlockige finden). Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe einmal in 200 Tagen 200 Menschen hier in der Straße besucht und mit ihnen Kaffee getrunken und daraus wird jetzt ein Buch. Und ich will die Frau fragen, ob ich auch über den Besuch bei ihr schreiben darf.“

Es ist ja schon schwierig, jeden Tag so lange an Haustüren zu klingeln, bis einen jemand hinein lässt. Noch schwieriger aber ist es, so lange zu klingeln, bis einen jemand ganz Bestimmtes hinein lässt. Hätte ich geahnt, dass aus meinem Projekt einmal ein Buch werden würde, wäre ich etwas systematischer vorgegangen. So aber sind mir zwar manche Gespräche noch immer satzgenau im Kopf – aber ich habe weder die Hausnummer dazu, noch die Emailadresse (oh, das wäre praktisch), noch den Nachnamen. Vornamen: ja. Jede Menge. Aber die Hälfte von ihnen sind pseudonym. Felixes, Utes, Marias, die eigentlich ganz anders heißen. Himmel, werde ich die ganze Straße noch einmal durchklingeln müssen?

– „Tja, tut mir leid, die ist weggezogen“, sagt der Mann und scheint amüsiert Anteil nehmend, „aber die seh ich noch ab und zu, lass mir doch deine Nummer da, dann frag ich sie, wenn sie mir über den Weg läuft. Warte!“

Er verschwindet in seiner Wohnung. Braucht. Braucht lange. Kommt wieder und reicht mir Thomas Bernhards „Auslöschung“. Als Schreibunterlage. Wenn das keine Aufforderung ist. Ich werde ihn auf jeden Fall für ein Kaffeekränzchen heimsuchen. Das nächste Mal. Und mit Käsekuchen.

Hier, aus gegebenem Anlass und zur Erklärung, warum mich in Basel die gewienerten Haustüren so fasziniert haben, ein kleiner Einblick in die Berliner Haustürenmode:

apotheke und reisender

Radikalkur: Basel

Wenn man das Gefühl hat, mit einem Fuß auf dem Gas und mit dem anderen auf der Bremse zu stehen, setzt man sich am besten in einen Zug. Nicht, um schneller voran zu kommen. Sondern um sieben Stunden aus einem Fenster starren und vor sich hin denken zu können. Nachdem man sieben herrliche Stunden lang ohne ein einziges Fingerklopfen aus dem Fenster gestarrt und hin und wieder sogar ein bisschen nachgedacht hat – über das Verschwinden, über das Bleiben, und auch, wenn man es recht bedenkt, über das Zurückkehren – kommt man in einer Stadt an, die einen mit der distinguierten Diskretion einer häubchentragenden Sanatoriumsschwester empfängt. Im besten Sinne. An welchem Ort wäre ich in meinem Zustand besser aufgehoben, als in einem Städtli, in dem die Hüsli allesamt Fensterlädeli habeli, und, um nur ein Beispiel zu nennen, Brillen nicht einfach „Brillen“, sondern „Scharfmacher“ heißen?

Als ich Geld wechseln will und der Kartenleser so beängstigend langsam ist, spüre ich schon wieder meine Finger klopfen. Ich frage, halb entschuldigend, halb nervös, den sehr gepflegt aussehenden Menschen hinter seiner Glasscheibe, ob mit dem Lesegerät und/oder meiner Karte alles in Ordnung sei. Der gepflegte Mensch lächelt: „Ja. Das ist nur unsere lange Leitung.“ Ich schaue ihn an. Er aber meint es ohne Ironie. Vertraulich setzt er hinzu: „Böse Zungen behaupten, das wäre unsere schweizerische Langsamkeit. Aber das sind sehr böse Zungen.“ – „Oh, dann wollen wir ihnen natürlich nicht nach dem Munde reden, den bösen Zungen“, sage ich und zwinge meine Finger zur Ruhe. Ja. Ich bin hier gut aufgehoben. Radikalkur. Bremsen.

In der pillengrünen Tram sitzend erkenne ich einiges wieder von dem Basel, in das ich einmal verliebt war, damals, in einem anderen Leben, als ich in jemanden verliebt war. In wen ich verliebt war, hab ich vergessen, nicht aber das Gefühl von Verliebtsein. Ob es mich noch einmal erwischt? Da ist das Theater, das mich auch jetzt wieder aus den Angeln hebt. Da das Rathaus, das so weltfremd malerisch ist, dass ich unwillkürlich lachen muss. Da das kleine Häusli mit dem Campari-Schriftzug, das mit seinem Schornstein wie ein mahnender Zeigefinger in den Himmel sticht. „Trink deinen Campari“, mahnt es, „vorzugsweise in der Rio-Bar.“ Ich trinke ihn diesmal in der Küche einer Freundin.

Es ist nicht schwer, in Basel das Bremsen wieder zu erlernen. Vor allem in einem Basel im Winterschlaf. Die Hälfte der Geschäfte ist geschlossen, (was ein Glück ist! Sonst müsste ich dringend mindestens diese Kerzenständer besitzen!), das Wetter ausgewaschen und kahl, es regnet, es ist trist. Nur mir ist nicht trist. Ich schlendere durch die Straßen, so langsam, wie schon sehr, sehr lange nicht mehr. Ich kaufe ein Brötli. (Was für eine Erfindung! Brötli, belegt im 80er Jahre Style! Hierzulande muss man eigens in die Oper gehen, wenn man Appetit auf ein Lachs Canapée hat, in Basel geht man einfach in den Supermarkt). Ich stehe im Regen. Ich stehe vor einem Van Gogh. Vielleicht eine Stunde lang. Ich habe noch nie so lange vor einem einzigen Bild gestanden. Ich sitze in einem Café, vorzugsweise dem zum Roten Engel. Ich esse ein Aprikosen Wäheli und denke: wenn so mein Leben schmecken könnte. Ich stehe staunend in der elysischen Allgemeinen Lesegesellschaft und sehe, ich schwöre, ich sehe die Menschen sich in Zeitlupe bewegen, in Zeitlupe ausgewählte Zeitungen umblättern. Wieder draußen fallen auch die Regentropfen lange noch in Zeitlupe, während ich vor dem Münster stehe (?!) und ungläubig ein Stifterpärchen bewundere: dem „Fürst der Welt“ kreuchen tatsächlich Schlangen und Kröten am Rücken. 1280 und am Rücken kreuchende Schlangen und Kröten! Ich weiß nicht, warum es mich so fröhlich stimmt. Ich gehe Treppchen hinauf. Und wieder hinab. Was für schöne Haustüren Basel doch hat! Es mag naheliegend scheinen, dass ich mich für Haustüren interessiere – aber ich bin selbst überrascht, wie sehr mich die Basler Haustüren beeindrucken. Tatsächlich bleibe ich alle zwei Schritte vor der nächsten neu entdeckten Haustüre stehen, schüttle den Kopf über so viel Bohnerwachsliebe und freue mich wie ein Glücksritter. Wie ich so stehe und mich freue, stolpere ich beinah – beinah nur, wohl gemerkt – in einen Herrn, Bart: getrimmt, Blick: klar und blau. „Entschuldigung“, hasple ich, „ich bin eine dieser fürchterlichen Touristen, die nicht rechts und nicht links schauen!“ – „Aber ich bitte Sie“, sagt er, „was hätte mir heute Schöneres passieren können, als dass Sie mich rammen?“ Ich starre ihn an. Aber auch er meint es ohne Ironie. Ich kann nicht umhin, zu grinsen, als ich weiter gehe. Basel, du Charmeur. Jetzt hast du mich wieder.

 

 

warten

Bitte nicht drängeln

Fingerspitzen zittern vor Verliebtheit. Oder vor Aufregung. Wegen eines hohen Blutdrucks. Aus Altersschwäche. Vor Kälte, vielleicht vor Kälte?

Ich bin nicht sicher, aus welchem dieser Gründe meine Fingerspitzen zittern. Wenn ich genauer darüber nachdenke (über die Gründe), ist es mit „Zittern“ vielleicht falsch benannt. Vielleicht ist es eher ein Klopfen. (Der Unterschied zwischen einem Zittern und einem Klopfen ist, wie man weiß, der, dass einem das Zittern passiert, das Klopfen hingegen nicht. Zittern ist Handrücken-an-Stirn-Schlenker, Klopfen brachiale Willkür.)

Meine Fingerspitzen finden eine Tischplatte. Ein Buch. Einen Oberschenkel (meistens den meinen). Und dann klopfen sie darauf. Nicht den Takt, den prima Beat, bevor er mir in die Beine fährt und ich aufspringe und einen Steptanz im januarlichen Grauregen hinlege.

Nein.

Sie klopfen die Ungeduld. „Komm zum Punkt“, klopfen sie, „komm endlich zum Punkt.“

„Lass sie klopfen“, dachte ich, „deine Fingerspitzen suchen nach einer Ausdrucksform, das solltest du unterstützen, nicht abwürgen – und außerdem warst du doch noch nie besonders geduldig, warum also gleich ein Drama draus machen.“

Aber in letzter Zeit klopfen meine Fingerspitzen auch und mit Vorliebe, wenn ich spreche. „Komm zum Punkt“, klopfen sie, „komm. end. lich. zum. Punkt.“

Und das ist sehr irritierend.

Um nicht zu sagen: äußerst unhöflich.

Ich befinde mich auf Schussfahrt im Innersten eines rosa Wackelpuddings. Nach außen hin: Windstille. Meine Körperfläche: ein tiefer See. Aber in mir drin brettere ich mit Affenzahn die Steilpiste hinab, dass mir der Gegenwind nur so in den Ohren pfeift. Und ich komme nicht voran. Keinen Zentimeter. Wackelpudding rundherum.

Ich stehe irgendwo – der Ort ist bewiesen austauschbar, inmitten von Gewimmel, inmitten weiter Felder – über mir ein Waschküchenhimmel, in mir drin Geschrei: „Los! Los! Los! Warum geht das hier nicht weiter!?“
Zum Glück hab ich keine Körperhupe. Oder eine Kupplung unter den Füßen.

Ein merkwürdiges Gefühl ist das und ich weiß nicht, woher es kommt. Gut, die Felder sind hässlich, matschig, freudlos, einige von ihnen plastiklich für den Spargel abgedeckt, ein äußerst deprimierender Anblick, aber Spargelfelder sind immer ein deprimierender Anblick, zu jeder Jahreszeit, schon immer gewesen.

Was also ist es? Ist es nur der Januar? Geht es wieder weg? Muss ich da durch? Durch das Spargelfeld? In … in meinen Wildlederstiefeln??

la giraffe

Gemüt am Mittwoch: La girafe

„Warum dieser Ganzkörperkäfig“, denkt die Giraffe und ist empört. „Es ist ja nun nicht gerade so, dass ich für meine hohen Sprünge bekannt wäre. Hat schon einmal jemand eine Giraffe springen sehen? Nein. Und warum nicht? Weil wir Giraffen nicht in die Knie gehen können. (Zwar keine hohen Sprünge, aber in die Knie gehen wir auch nicht, immerhin etwas). Und da wir Giraffen auch nicht unbedingt die waghalsigsten Kletterer sind – aus welchem Grund auch immer – bedeutet dieser Ganzkörperkäfig nur eines: Demütigung.

Demütigung durch ihn. Es kann nur seine Idee gewesen sein. Dieser Schuft. Was sonst wäre von jemandem zu erwarten, der grüne Gummistiefel und grüne Latzhosen (!) trägt und die Frechheit besitzt, mir während meines Mittagsschläfchens die Hufe zu pediküren oder die wöchentliche Zahnprophylaxe vorzunehmen. Ich bin eine Lady und ich lege Wert auf pedikürte Hufe und gereinigte Gebisse. Aber warum macht der grüne Heinrich es während meines Mittagsschlafes? Heinrich weiß, dass Giraffen nur wenig Schlaf brauchen. Zwanzig Minuten am Tag, mehr nicht. In diesen zwanzig Minuten aber sind wir absolut wehrlos.

Pediküre im Zustand der Wehrlosigkeit: Demütigung.

Der grüne Heinrich legt’s darauf an. Wenn er das nächste Mal da unten vorbei geht, dann…, dann…, dann!

Aber wo bleibt er denn? Lang schon ist’s her, seit er gesehen. Vielleicht ist die Demütigung keine Demütigung. Vielleicht ist sie … Angst? Das ist es! Der grüne Heinrich hat Angst! Vor mir! Und warum? Weil ich ein wahnsinnig gefährliches Tier bin, natürlich! Wir Giraffen fischen nur deshalb mit langen, schwarzen und selbstverständlich äußerst muskulösen Zungen nach Blättern, weil uns nie jemand gesagt hat, dass wir reißende Bestien sind! Dass in uns, tief in uns, das Verderben lauert. Der Appetit auf grüne Heinriche. Oh, sie aber wussten es. Schon immer. Deshalb der Ganzkörperkäfig. Klein wollten sie uns halten, klein, duldsam und bescheiden. Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht!

Ich wecke das wilde Tier in mir. Ommmm, ich bin ein Löwe. Ommmm, ich bin ein Lö… nein, lieber ein Tiger (das Fell! Die Farben!!). Ommmm, ich bin ein Tiger. Ommmm, ich bin ein Tiger.“