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Mascha.

Mascha: weiche Wärme, warme Weichheit, lautes Lachen, Teekessel. Den Tee serviert sie uns russisch schwarz nach Samowarprinzip, dazu in kleinen Schälchen: Kandiszucker, Halwabruch, Walnusswurst vom letzten Georgienurlaub. In ihrer Küche: Tapete, Nostalgie, Lebenslust. Russland.

„Ich hab’s geschafft bis 40. Ich meine: ich bin 40 geworden und hab’s überlebt. 40 ist eine Zahl, wo du dir als Frau Gedanken machst: was hast du erreicht. Mit Kindern, das wird nicht mehr lange gehen – und wenn du keine Kinder hast, fragst du dich, ob du wenigstens beruflich etwas erreicht hast. Ich will einen Mann – nein, das darf ich nicht so vage formulieren, ich will einen klugen Mann, zwei Kinder, und von meinem kreativen Beruf leben können. Du siehst: davon bin ich meilenweit entfernt.

Mein Leben ist eine ständige Krise. Meine erste große Krise – also: große Krise – hatte ich bei meiner Abreise nach Deutschland, da war ich 23. Meine Mutter hat mein Auswandern als Verrat gesehen und gesagt, sie wird einen tschetschenischen Jungen adoptieren, weil Jungs ihre Mutter immer lieben und Mädchen eben nicht. Dann hat sie ewig nicht mehr mit mir gesprochen. Aber ich habe trotzdem alles vorbereitet, Sachen gepackt, Tickets gekauft. Diese Entscheidung, wegzugehen, habe ich damals nicht als Krise wahrgenommen, aber jetzt im Rückblick denke ich, dass das die Krise mit dem ganzen Modell war, die ich damals hatte. Ich habe schon als Kind gelebt, was und wie meine Eltern wollten. Mein erstes Studium, Physik, war zwar meine Entscheidung, aber plötzlich wurde mir klar, dass es eigentlich nur für meine Eltern war. Weißt du, das war einfach so: die Eltern haben entschieden, auf welche Schule du gehst, damit du das studierst, was du studieren sollst, schon mit der Schulwahl ist man da so auf seinen Gleisen und kommt davon eigentlich auch nicht mehr runter. Es gab zwar Leute, die ihr Studium abgebrochen haben, aber das war ein Skandal. Mit Anfang 20 hat man in Russland schon Kinder, da ist dann eh kein Platz mehr für Fragen, was man eigentlich will und wer man ist. Ich musste da irgendwie raus.

Ein halbes Jahr später kam die Bewilligung und ich hatte drei Monate um auszureisen. Eigentlich hatte ich da schon keine Lust mehr, aber ich dachte: ich versuche das jetzt, ich kann ja immer noch zurück. Und los bin ich – und sofort in einem Asylheim gelandet, wo andere schon teilweise 10 Jahre lebten, weil die auf ihr Verfahren warten mussten. Ab und zu sind Menschen verschwunden, wenn sie einen negativen Bescheid bekommen hatten und über Nacht abhauen mussten. Das war mein erster Einblick ins „echte“ Leben, ich bin ja als Gewächshaustomate aufgewachsen, ich hatte keine Ahnung, wie das Leben funktioniert.

Ich bin als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. In den 70ern hat man ja beschlossen, Juden wieder zurück ins Land zu holen, und hat die Grenzen geöffnet. In der Zeit sind viele Leute aus Russland und auch aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Am Anfang haben sie alle noch in Schlössern gelebt und Wohnungen bekommen, ich sag’s dir: zwei Zimmer für eine Person! Das hat sich dann aber rumgesprochen und als ich kam, das war 2000, da wusste ich schon, dass es nicht mehr so paradiesisch sein wird – aber dass ich im Asylheim lande, hätte ich auch nicht erwartet. Ich hatte da zwar ein eigenes Zimmer, aber das war mir unheimlich. Ich bin dann lieber mit zu einer ukrainischen Familie gezogen. Nach zwei Wochen hatte ich meine Aufenthaltserlaubnis und bin sofort nach Berlin. In den ersten sechs Monaten hab ich sechs Mal die Wohnung gewechselt, und jede Wohnung war ein Abgrund des Lebens.

Die Frau, die mir die erste Wohnung vermietet hat, hatte so Angst, dass ich ihr in ihrer Abwesenheit die Kohlen klaue, dass sie mir den Kellerschlüssel nicht gegeben hat. Gut, okay, es gab Kohle im Supermarkt, aber der war sechs Busstationen entfernt, also hab ich gar nicht geheizt – bis das Wasser in der Flasche gefroren ist. Ich kam am 1. Januar und am 1. Februar hatte ich schon einen Job als Ingenieurin. Ich hab dann eine Einweihungsparty gemacht, und die Männer waren alle so komisch verhalten, bis einer zu mir sagte: „Du bist ja lesbisch, schade“. Weil überall in der Wohnung Regenbogen waren und Attribute des lesbischen Lebens. Ich wusste gar nicht, was das ist, also, ich wusste zwar, dass es das in der Theorie gibt, aber wie gesagt: Gewächshaustomate, und sie kam ja aus dem Bekanntenkreis meiner Mutter, und meine Mutter hatte es auch nicht gemerkt, aber deswegen dachte SIE, dass wir alle Bescheid wissen und die Sache klar wäre. Irgendwann kam sie zurück und hat mich tatsächlich angemacht, und ich hab gesagt: „ich steh auf Männer“, da hat sie einfach meine Sachen rausgestellt vor die Tür.

Ich bin dann erstmal bei einem Freund untergeschlüpft und hab von dort aus die nächste Wohnung gesucht, Altbau, an der Tür stand eine Tafel: Doktor der Psychologie. Haha. Mitte 50, links war sein Zimmer, der hat einfach ohne aufzustehen den Tag im Bett verbracht, hat gekifft und Wein getrunken, lag in seiner Haschischwolke, und ab und zu kam der Drogendealer. In dem anderen Zimmer lebte eine rumänische Flüchtlingsfrau und er sagte: „du musst aufpassen, sie hat Hepatitis C.“ Und ich so: alles klar. Und da waren auch noch zwei schwarze Katzen. Zwei Wochen später kam die Polizei und hat die Frau festgenommen. Die Frau hat behauptet, es wäre, weil sie zu viel schwarz gefahren wäre, aber das war ein Drogennest.

Die vierte Wohnung war in Steglitz, da war nach 9 Uhr abends absolute Stille, alle, wirklich alle haben geschlafen – und ich konnte nie einschlafen, es war mir zu still. Mein Mitbewohner war jung und knackig, Mitte 30, und eigentlich suchte er eine Frau, keine Mitbewohnerin. Am ersten Abend hat er mich in sein Zimmer gerufen und wollte mit mir so Atemgymnastik machen, ja, wirklich, er hat gesagt, ich müsste ein bisschen was für meinen Brustkorb tun und ich sollte mich auf den Rücken legen und er wollte an mir rumdrücken, haha, und ich war da wirklich noch so unbedarft, ich hab mich hingelegt und dann hat er an mir rumgedrückt, aber ich glaube, ich war sooo unbedarft, dass hat ihn dann doch wieder demotiviert. Von da ab hat er mich jedenfalls nicht mehr in sein Zimmer gerufen. Und dann hab ich meinen Geburtstag gefeiert, er war nicht da, und als er am nächsten Morgen kam, lag ich mit einem Typen im Bett. Bei mir im Bett, natürlich. Und dieser Mitbewohner hat nur meine Zimmertür aufgemacht, mich mit diesem Typen im Bett gesehen und wortlos die Tür wieder zugemacht. Am nächsten Tag hat er mich rausgeschmissen und im Treppenhaus einen handschriftlichen Brief an die Nachbarn aufgehangen: „Liebe Nachbarn, in meiner Abwesenheit und ohne mein Wissen haben gestern Nacht Feierlichkeiten liderlichen Ausmaßes in meiner Wohnung stattgefunden. Es ist dafür gesorgt, dass derlei nicht wieder vorkommen wird. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten.“

„Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten!“ Wahrscheinlich war der Typ von allen komischen Wohnungstypen der gruseligste.

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Schweinehundohren.

Ich bin noch nicht besser geworden im Schweineohrenbacken. Auch wenn ich im Nachhinein erklären könnte, dass die verschiedenen Schattierungen von teigblass bis kohlschwarz einer natürlichen Vorlage folgend (siehe Wollschwein) natürlich beabsichtigt waren. Aber manche Dinge macht man nicht des Erfolges und schon gar nicht der Geschmäcker wegen. Sondern weil man sie machen muss. Insofern stehen für mich Schweineohren, so missraten sie auch immer geraten, für Anfang, Aufbruch, Ganzegal. Hier bin ich. Wieder. Und wenn ich das kann, kannst du es auch (to whom it may concern).

La la… la lallalala

Das Gemüt am Morgen steht sehr deutlich auf Herbst – und es ist nicht der Herbst mit den raschelnden Blättern und den Spinnweben im glitzernden Sonnenlichtblau, sondern der Herbst mit den matschigen Blättern und einem Dauergrauhimmel ohne Zeit und vor allem: ohne Zukunft (was würde heute schon Sinn machen) – ich grummle mir meinen Weg durch die Morgenroutine, die schön sein könnte, wenn ich ihr Aufmerksamkeit schenken würde – und dann DAS:

Also wenn das kein Grund ist, diesen November irgendwie zu überstehen….. („This is the dream! It’s conflict and it’s compromise and it’s very, very exciting!“. Sing, summ, tanz).

Gemüt am Mittwoch: Fischen.

Peter sprach immer vom Haken. Nicht vom Haken an der Sache, vom leiblichen Haken sprach er, dem Haken an sich, sozusagen dem Haken der Haken: dem Angelhaken. Er konnte stundenlang erzählen von seinem „Kopf“, seinem „Schenkel“, seinem „Wider“, ich habe ihn nie von einer Frau so reden hören. Oder von einem Mann. „Weißt du“, hat er gesagt – eigentlich sagte er immer dasselbe – „der unbedingte Moment beim Fischen, also der Moment, auf den es eigentlich ankommt, das ist nicht der Augenblick, in dem der Fisch anbeißt. Das ist der Moment, in dem dir ein Fisch vor den Haken schwimmt. Du siehst den Fisch nicht, (so klar sind die Wasser nicht mehr), aber du spürst plötzlich, dass er da ist und sich in diesem Augenblick überlegt, ob der Haken einen Haken hat oder nicht. Das ist dieser Moment, in dem dir durch den Körper zuckt, dass du böse bist und mit einer Absicht. Und dann setzt du noch eins drauf und verneinst den Haken. Tust, als wär er nicht da. Ein Ruck an der Angel, ein kurzer, dosierter, gemeiner. Marionettentheater mit Wurm. Die Verneinung des Hakens. Darum geht’s: dass du ihm was vormachen kannst, Aug‘ in Auge. Nicht darum, ob der depperte Fisch jetzt anbeißt oder nicht. Erstens kannst ihn gar nimmer essen, wegen dem Quecksilber. Und zweitens tut er’s eh. Und wenn nicht er, dann halt ein anderer.“

Peter erkennt mich nicht auf der Straße. Er geht zu langsam und bohrt seinen Blick auf den Gehweg, als würden unter dem Asphalt die Fische warten.

Ich frage mich, ob ich ein Haken bin. Oder ein Fisch.

Gemüt am Mittwoch: Bubis Butterkuchen

Ich (vierte von links) hatte mit der mir eigenen Zielstrebigkeit wieder einmal einen Sensationstreffer in Sachen Nebenjob gelandet. Nachdem ich ein Motivationsschreiben verfasst hatte, das einer Doktorarbeit (wenn nicht gar schon einem Gottesbeweis) weder in Umfang noch in der Stringenz der Argumentationsführung nachstand, nachdem ich liebe- wie gedankenvoll einen Lebenslauf entworfen hatte, dessen Werdegangstationen eindeutig und ebenso unausweichlich wie die Katastrophe in der griechischen Tragödie die gottgewollte Bestimmung für eben jenen einen, auserkorenen NEBENJOB bis in die frühen Kindheitstage hinein nachvollziehbar machten, nachdem ich Beweise und Belege für a) Schulabschlüsse, b) Studienabschlüsse, c) Auslandsaufenthalte, d) Lobeshymnen früherer Arbeitgeber, e) Zusatzqualifikationen (Erste Hilfe, Führerschein, Computerkenntnisse, fucking SOCIAL MEDIA etc., und ich verzichtete auch nicht auf den Tauchschein, und auch nicht auf den Trauschein und auch nicht auf die Scheidungsurkunde, klarer konnte ich mein Konfliktmanagement kaum in Worte fassen) und f) Sprachzeugnisse kopiert, beglaubigt und per Kurier landverschickt hatte, wurde ich tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, das ich aufgrund meiner Verzweiflung (ich war nicht mehr jung aber brauchte das Geld) glorreich bestritt: der Rock kurz, die Wimpern getuscht – und nicht zu vergessen: der selbstlose Einsatz der eigens angeschafften Brennschere.

Man händigte mir einen zehnseitigen Personalfragebogen aus, den auszufüllen man mir fünf Minuten gab (ob ich rauche und/oder Kaugummi kaue, wie ich „Schönheit“, „Reinlichkeit“ und „Mutterschaft“ gewichten und ob ich Heidegger Foucault vorziehen würde – und falls ja: warum in kurzen Sätzen -, was ich in meiner Freizeit zu tun gedenke und ob ich zu unbezahlten Überstunden und Fortbildungen außerhalb der Arbeitszeit bereit wäre (ja, natürlich, immer gerne) etc.). Noch während der Erfüllung dieser Ausfüllung kündigte man mir galant an, man würde mich vorerst nicht sozialversichern, dafür aber umsonst probearbeiten lassen. Anschließend zeigte man mir mit beachtlicher Selbstzufriedenheit einen Fuhrpark von zwei Gabelstaplern sowie ein Mehllager. Ich versuchte, beeindruckt zu wirken und gleichzeitig nicht zu husten, was mir beides offenbar ausreichend gelang. Der Chef (fünfter von links) schien geschmeichelt, er rauchte stark und stank nach Pomade, seine Finger waren gelb wie auch sein Grinsen, er sprach über Wachstum und Herausforderung, über Belegschaft, fairen Handel und Produktionsbedingungen, über die Schwierigkeit, als Mutter – vor allem als alleinerziehende – wieder in einem sogenannten Berufsleben Fuß zu fassen, eröffnete mir aber im selben Atemzug, dass ich vorerst nur samstags und nachmittags eingesetzt werden würde und mein Stundenlohn 0 Cent über dem Mindestlohn und 4 Euro unter dem eines Babysitters liegen würde.

Dann ging es los. Meine Aufgabe bestand darin, zusammen mit einigen anderen Frauen Butterkuchen zu verteilen. Unmengen an Butterkuchen. (Auf dem Foto erkennt man leider nicht, wie hoch gestapelt der Butterkuchen vor uns stand, und auch nicht, wie viele Meter die sich unterm Butterkuchen biegenden Tapeziertische nach links und rechts noch ausliefen). Es war eine Werbeveranstaltung, eine Monate währende Jubiläumsaktion, deren Gag (ich verzichte auf die Anführungszeichen) darin bestand, dass wir in jedes Stück Butterkuchen, das wir austeilten (und die Leute rissen uns die Kuchenfladen kreischend aus den Händen), zuvor selbst noch hinein bissen. Ich erinnere mich an den Slogan „Bubis Butterkuchen. Davon kriegt Mutti nie genug“ – wenn auch ungern. „Herzhaft ist das Stichwort“, sagte eine aufgeregt wirkende Kampagnenleitung im Dauerbriefing, während wir würgend nach den Butterkuchen schnappten, „das muss herzhaft aussehen, denkt dran, herzhaft!“

Der Chef stellte sich demonstrativ neben mich, um, wie er sagte, zu kontrollieren, ob ich „koordiniert“ genug für diese Aufgabe sei, er hätte „schon einige Akademikerinnen erlebt“, da hätte er sich schon fragen müssen, wie „um Himmels willen die in der freien Natur überleben“. Er stand da und starrte mir drei Stunden lang auf die Finger. Meine Finger waren lackiert und hin und wieder stieß er sein Unbehagen darüber aus. Das müsse sich ändern, wenn ich hier was werden wolle, brummelte er in einem Abstand von etwa zehn Minuten. Ich weiß nicht, ob er es wiederholte, weil er selbst immer wieder vergaß, dass er mir diesen zärtlichen Hinweis in Sachen „Aufstiegschancen“ bereits gegeben hatte, oder weil er davon ausging, dass ich mir seine Einstellung zu Nitrocellulose andernfalls nicht würde merken können.

Das Foto entstand circa drei Sekunden, bevor ich ihm die Scheibe Butterkuchen, die ich gerade in die Hand nehme, auf den widerlich glänzenden Scheitel klatschte und ging.

Gemüt am Mittwoch: Gespräche mit Pudel (Tonbandaufzeichnung)

5.Tag mit Pudel. Gespräche erweisen sich als schwierig, langwierig, nahezu unmöglich. Pudel unterbricht häufig, raucht stundenlang, teilweise ohne ein Wort zu sagen. Es geht ihm schlechter, selten erinnert er sich, wer ich bin und was ich hier mache. Roswitha, die Hausangestellte, verdreht nur die Augen. Mir aber setzt er zu. Gestern nacht wieder kein Auge zugetan, diese durchgelegene Matratze, das Knacken der Borkenkäfer und ständig und über allem sein röchelndes Husten mit anschließendem Ausspucken. Jedesmal bleibt mir das Herz stehen, bis er nur endlich ausspuckt, das Husten ein Ende hat und das Schnarchen den Anfang. Tagsüber wünsche ich oft, dass er stirbt, schon, wenn er am Frühstückstisch sitzt, wünsche ich das, ich kann so früh aufstehen, wie ich will, er ist jedes Mal schon vor mir wach und kratzt bereits mit dem Buttermesser über den Toast, dazu nickt und wackelt sein Kopf und mein Blick fällt wehrlos auf einen blassen, kantigen Fuß, der in einem abgetretenen Pantoffel steckt, und auf einen lilascheinenden Knöchel, der sich wie Beulenpest von der milchweißen Haut abhebt. Es ist Wut, Enttäuschung und diese Demütigung, von der ich noch nicht einmal weiß, ob er überhaupt einen Anteil daran hat, oder ob allein ich selbst sie mir zufüge (nein, sag jetzt nichts, Eve, ich weiß, was du sagen willst), warum ich ihm tagsüber so heftig den Tod wünsche, dass ich mich dabei ertappe, wie ich Gegenstände sehr lange anstarre: Messer, die auf dem Schneidbrett liegen, leere Weinflaschen vom Vorabend, einen Kerzenständer aus schwerem Messing – und nachts bleibt mir doch jedes Mal das Herz stehen und ich wünsche mit Inbrunst, dass er nicht sterben möge, nie, oder zumindest nicht, solange ich hier bin, und vor allem nicht an einem Hustenanfall. Ich möchte sein blau angelaufenes Gesicht nicht in meine Hände nehmen und eine Kälte wie rohen Hefeteig fühlen müssen. In den frühen Morgenstunden dann die schlappe Matratze auf den Boden gelegt und wenigstens ein Stündchen geschlafen, mit steifen Gliedern erwacht und den Nebel im Tal gesehen, mit Sonnenglitzer darüber. Gedacht, dass es schön wäre, Eve, wenn du nur hier wärst oder ich woanders.
In die Tonbandaufzeichnungen von gestern rein gehört. „PUDEL: (hustet lange) … früher! Hahachch… (sein Lachen wird ein Hustenanfall)… früher wollte ich immer Schrödingers Katze werden. Und heute … hahahachchc… naja, Sie sehen ja, was aus mir geworden ist. Heute fresse ich Würstchen … ROSWITHA (aus der Küche, ruft): Aber das sind Bio-Würstchen, gute Bio-Würstchen sind das! PUDEL: Ich sag ja nicht … (schweigt lange) Sagt Ihnen der Name „Everett“ etwas?“ Ich mag es nicht, wenn er jovial wird. Eve, was tue ich hier? Grüß mir den Heinrich und gib auch der Liese einen Kuss, hoffentlich sehe ich euch bald wieder. Und schreib mir, hörst du? Ich küsse dich.

Gemüt am Mittwoch: Martha mit goldenem Ball

Gemüt am Mittwoch: ein altes Foto – eine neue Geschichte. Heute: Martha mit goldenem Ball.

Martha hatte sich bislang geweigert, an Frösche zu glauben. Jetzt, da sie vom Himmel zu fallen schienen, wollte sie doch bitteschön auch einen. Einen mit Krönchen. Einen, der sie aus dem dörflichen Sumpf in ein Schloß geleiten sollte (eines mit Dienern, nicht mit Sanierungsbedarf), einen, der Türen aufhalten, in Mäntel helfen und geistreiche Unterhaltungen führen konnte – und nicht nur mit sich selbst. Kurzum, sie wollte einen, der vorzeigbar war unter den anderen Fröschen.

Aber mit den Fröschen war es so eine Sache. Welchen sollte sie wählen? Einen Raketenfrosch etwa? Klein und wendig war er, ja – aber machte es Spaß, so einen Frosch immer 12 Meter im Voraus zu wissen? 12 Meter sind 12 Meter, wenn man sie gehen muss. Vielleicht doch lieber einen Wendehalsfrosch? Wendehalsfrösche – und das bewunderte Martha an ihnen – überleben, indem sie sich per Hautsekret unsichtbar machen. Aber wer will schon einen dauerschwitzenden Frosch? Nichts gegen das Schwitzen – wenn es denn das richtige ist. Arbeit und Sport: ja. Angst: nein. Und so ein Wendehals musste doch Angst haben, in einem Termitennest. Nein, einen Angstfrosch wollte Martha nicht. Außerdem: wie sollte sie ihn finden, wo er doch unsichtbar war.

Es waren solche und ähnliche Überlegungen, denen Martha die Schuld gab, den Erfolg ihrer wackeren Suche zu hemmen. Aber im Grunde – und das wusste Martha – stellte sich ihrem Froschgesuch etwas ganz anderes in den Weg. Im Protokoll las man ja immer von Fröschen, die an linnengedeckten Tischen sitzen und Gabelhäppchen von güldenen Tellerchen einzunehmen wünschen. Martha aber mochte der Frösche Essgewohnheiten nicht leiden. Vor allem nicht die Inbrunst, mit welcher sie Geräusche von sich zu geben pflegen, wenn es ihnen schmeckt – und es schmeckt ihnen ja nahezu alles. Sie würgen, sie schlingen – diese Flinkheit der Zunge, die Klebrigkeit des Speichels … Jeder, der einen Frosch auch nur ein einziges Mal beim Schlucken beobachtet hat, wird Marthens natürlichen Ekel verstehen.

Nein, sie wollte keinen Frosch, um mit ihm am Kaminfeuer zu sitzen und Abend für Abend doch nur gehörig Cognac mit Eischnee zu trinken, damit sich ein Adamsapfel ertragen lässt, wie er sich hebt und senkt. Nein. Sie wollte einen Frosch, um ihn lebendigen Leibes in einem Ameisenhaufen zu vergraben. Neun Tage später würde sie sich mit den abgenagten Knöchelein (es durfte also gar kein Wendehalsfrosch sein) die Haut bestreichen. Ein alter Hauszauber war das, um demjenigen in Liebe zu verfallen, den man nach der Streicheleinheit sieht. Und in Liebe verfallen wollte Martha, oh, ja, sie wollte endlich einmal in Liebe verfallen – zu ihm oder einem anderen: gleichviel. So ließe vielleicht auch das Schmatzen und Stöhnen sich ertragen. (Doch nein, Frösche soll man nicht verachten, denn im Gegensatz zu uns vertrocknen sie nur und werden nicht von Würmern zerfressen.)

Und so steht sie am Weiher, die liebe Martha, und wirft ihren Ball, um die Frösche zu rufen, und denkt nicht daran, dass sie, wenn sie den ersten Frosch des Jahres im Wasser und nicht hüpfend im Grase sieht, Unglück haben und viel weinen wird. So ist das mit den Fröschen nämlich. Aber nein, so weit denkt Martha nicht. Stattdessen denkt sie „Warum hab ich dieses Kind nur mitgenommen“, annehmend, es läge am Plantschen der noch rosigen Beine, warum das hohle Gold nicht unter die Oberfläche gehen und Frösche anlocken mag, „aber vielleicht wird wenigstens aus dem Kind mal eine Kaiserin.“

Harriett Pracht.

Ich habe Harriett auf einer Sprachreise kennengelernt. Ich war 14 und in Torbay, weil ich kein Highschoolyear in Amerika machen durfte. Harriett war 16 und in Torbay, weil sie gerade nach mehreren Jahren in Lagos zurück nach Deutschland gezogen war und für’s deutsche Schulsystem ihr Pidgin-Englisch oxfordtauglich machen sollte. Wir mochten uns auf den ersten Blick.

Harriett hatte schon damals eine unglaubliche Art, für jedes Problem das richtige Rezept zu haben. „Rezept“ im doppelten Wortsinn: Lösungsanleitung einerseits und Zubereitungsart einer Speise andererseits. Bei Harriett schien beides ein und dasselbe zu sein. In egal welcher Lebenslage man auch gerade steckte – Harriett wusste, was man essen musste, um sich am eigenen Haarschopf wieder heraus zu ziehen. Wie eine Hexe glaubte sie an die Kraft des richtigen Essens.

Damals beschränkten sich ihre Rezept-Anweisungen zwar noch auf „Du brauchst Dairy Milk“ (nachdem sich herausstellte, dass in dieser merkwürdigen Gastfamilie „überraschend“ Familienbesuch angesagt war und ich mein Zimmer plötzlich mit den Spice-Girls-dauersingenden Zwillingen teilen musste),  oder „Okay, wir brauchen Thunfisch. In egal welcher Form, zur Not auch als eins dieser schrecklichen, blassen Sandwiches, die sie hier überall futtern.“ (Auf der Polizeiwache, nachdem unsere Clique von einer britischen Horde uns Deutsche hassender Jugendlicher überfallen, teilweise vermöbelt und quer durch die Stadt gejagt worden war. Sehr amüsant. Aber ich wurde auch nicht vermöbelt, ich musste nur laufen). Unser letztes Ausflugswochenende in London brachten wir ausschließlich damit zu, ein Restaurant zu suchen, in dem Wildschwein in Pfefferminzsauce serviert wurde. (Ja, damals gab es noch keine Smartphones). Harriett war überzeugt davon, dass Wildschwein in Pfefferminzsauce sinnlosen Liebeskummer heilt – und sinnlosen Liebeskummer hatten wir, oh ja! Schließlich wussten wir nicht, ob wir die beiden very britishen Jungs vom Pier jemals wieder sehen würden. Wir erkundeten mehr von London, als uns ein Abklappern aller Touri-Orte je gebracht hätte, und fanden am Ende tatsächlich ein Restaurant, das nicht nur Wildschwein, sondern (was wesentlich schwieriger war) auch Pfefferminzsauce auf der Speisekarte hatte – zwar nicht in ein und demselben Gericht, aber Harriett brachte die äußerst irritierte Bedienung dazu, unseren Sonderwunsch schließlich doch in die Küche zu tragen (Germans!). Und tatsächlich: auch das minzöse Wildschwein hat geholfen. Am Flughafen heulten wir nur unseretwegen – und nicht wegen irgendwelcher britischer Jungs mit Segelohren.

Seither haben wir viel telefoniert und Briefe geschrieben. Kein Telefonat mit Harriet, kein Brief von ihr in diesen Jahren endete ohne ein Rezept, das ich dringend nachkochen sollte, damit mich die Dinge, die mich beschäftigten, weniger beschäftigten. Zitronenhuhn afrikanischer Art für mehr Mut. Spezialgebeizten Wasabi-Lachs gegen Workaholismus. Schwarzbrotrisotto fürs Rückgrat. Und viele Rezepte mehr. Ich habe kein einziges nachgekocht. Wer weiß, wie viele Männerfehlgriffe ich frühzeitiger als solche identifiziert, wie viele Abzweigungen, die sich dann doch nur als Schleifen erwiesen, ich mir erspart hätte. Aber ich kann nicht kochen. Nur backen. (Und auch das nur inzwischen).

Jetzt aber hat mich Harriett nach all den Jahren endlich einmal besucht. Mein Glück kann sich nur vorstellen, wer selbst schon von ihrem sagenhaften Zitronenhuhn probiert hat. Und weil sich Glück nur vermehrt, wenn man es weitergibt, und Harriett experimentierfreudig wie eh und je ist, wird Harriett ab sofort auf diesem Blog eine rezeptliche Lebensberatung anbieten. Das Rezept für jede Lebenslage, so to say. Voraussetzung und Forderung ist, dass der Ratsuchende sich verpflichtet, das exakt auf ihn zugeschnittene Rezept auch tatsächlich nachzukochen.

Wer Lust hat/sich traut/neugierig ist/in einer ein Rezept erforderlich machenden Lebenslage steckt, schreibe sein Problem/seine Frage/sein Ratgesuche also möglichst ausführlich, umfassend, gleichwohl vage und anonymisiert (Achtung, es wird auf diesem Blog veröffentlicht) und unter der Angabe von etwaigen Diäten/Allergien/Lebensmittelabneigungen an: harriett.pracht[ät]web.de

Wer seine Mailadresse partout nicht preisgeben möchte, nutze einfach unten stehendes Kontaktformular.

Oh, ich freue mich und bin gespannt! Harriett, herzlich willkommen! Schön, dass du, wenn schon nicht häufiger in meiner Küche, so doch wenigstens auf meinem Blog sein kannst.

Coney Island, Berlin.

Mit Coney Island verbinde ich zweierlei: zum einen eine höchst romantische Vorstellung von Sommerfrische, Brise, weißen Hüten, gehäkelten Handschuhen, Raddampfern, Liebeserklärungen und gesalzenen grünen Erbsen in Zeitungspapier. Zum anderen die eher wenig romantische Vorstellung von Vergnügungspark und sich im Sand sardinös wälzenden Menschenmassen in unvorteilhafter Badekleidung. Abschreckend genug.

Merkwürdig, dass einen trotzdem – und vor allem wochenends – eine scheinbar ewiglich unerfüllbare Sehnsucht nach Coney Island aufbrechen lässt. Mein Coney Island liegt im Grunewald und ist eine Sanddüne, die, wählt man den richtigen Farbfilter, nach genau dem aussieht, was sie ist: eine ehemals dem industriellen Abbau von Feinsand dienliche, jetzt verlassene Kiesgrube inmitten von Kieferngrün. Aber da man, wie bei so ziemlich allem, den Farbfilter der Betrachtung frei wählen kann, wählt man einen, durch den hindurch die Ödnis nach dem aussieht, was sie sein kann: Paradies. Sanddüne. Madagaskar. Die Kiefern werden Palmen und am Südhang ist es so warm, dass man schon barfuß gehen kann, während in der Innenstadt noch Schnee liegt.

Oben sitzen die Menschen wie Sammelfiguren und halten ihr Gesicht in die Sonne. Die Kinder rollen, wälzen, rutschen jauchzend den Hang hinab. Die Hunde tollen herum. Idyllisch, das alles. Sehr idyllisch. Wäre da nicht diese beklagenswerte Gestalt, die, mit Kopfhörern auf den Ohrwascheln und offenbar im Wahn, hier im Idyll Menschen mit Musik beglücken zu wollen, Oboe übt. „I love you just the way you are“. Weil die beklagenswerte Gestalt noch sehr am Anfang ihrer Karriere zu stehen scheint, heben die übrigen Menschen ihre Köpfe. Schütteln die Köpfe. Verdrehen die Augen. Was die Gestalt nicht mitbekommt. Sie übt mit geschlossenen Augen. Ein und denselben Takt. In Endlosschleife. „I love you just the way you are“. Stundenlang. „I love you just the way you are“. Immer wieder. „I love you just the way you are.“

Man könnte darüber ins Philosophieren geraten. Wäre da nicht diese Gruppe junger Frauen, die sich das Idyll als Übungsplatz für ihr Bootcamp-Training auserkoren hat und deswegen fortwährend von einem männlichen Einbauschrank angeschrien wird: „Okay, Mädels! Let’s go! Hoch die Ärsche! Ick sachte ARSCH HOCH! Move, move, mooooove!“ Woraufhin sich die Mädels flach in den Sand werfen, um gleich darauf wie die Frösche in die Höhe zu hüpfen, um gleich darauf Liegestütze zu machen, wofür sie sofort mit weiteren Liegestütze bestraft werden, die sie gefälligst lauthals mitzählen sollen. Man könnte vielleicht auch das „Move! Move! Move!!“ in die Philosophiererei einbauen (und sicherlich auch die „Ärsche“), würde die körperliche Ertüchtigung nicht auch noch von einer Drohne gefilmt werden, die mit dem sanften Rauschen einer Kreissäge hoch und runter und wieder hoch und runter fliegt.

Man kehrt, enttäuscht, bestätigt und zufrieden, Coney Island den Rücken, um es andernorts zu suchen. Wenig später erreicht man über Wurzeln und Hänge den Wannsee. Tritt in einen Sonnenuntergang. Und spätestens an der Schwanenbucht wird es dann so sehr Coney Island Baby, dass man es fast nicht aushalten kann.